Es hätte eigentlich eine große Feier geben sollen, um das 125-jährige Bestehen eines der Urgesteine des Coburger Einzelhandels zu feiern - aber dann kam das Virus. Coronabedingt werden Stefan Stahl, die Familie und die Mitarbeiter die Gründung des Juwelier- und Uhrmacher-Geschäftes später würdigen. "Auf jeden Fall wird es eine Feier geben", stellt Stefan Stahl fest. Das Datum aber ist ungewiss.

Es war der 27. April des Jahrs 1895, als Emil Stahl im Steinweg sein Geschäft für "Juwelen-, Gold-, Silber- und versilberte Waren" eröffnete. "Streng reell billige Preise" versprach seinerzeit die Werbung, und auch "hochmoderne Schmucks für Konfirmanden und Brautpaare". Zwei Ladenlokale - im Steinweg 25 und im Anwesen Nummer 32 - gab es damals. Anfang der 1930er Jahre verlegte Emil Stahl das Geschäft in die Spitalgasse, wo es noch heute beheimatet ist. Urenkel Stefan Stahl übernahm von seinem Vater Hans-Joachim 2002 die Firma. Und mit Steffi Stahl steht eine weitere Uhrmacherin und bald auch Goldschmiedemeisterin bereit, um die Familientradition weiterzuführen.

1905: Telefonanschluss 690

"Alle Generationen haben auf die Verbindung von bewährter Handwerkstradition und moderner Technik gesetzt", weiß Stefan Stahl. Bereits im Jahr 1905 hatte Juwelier Emil Stahl im Steinweg einen Telefonanschluss mit der Rufnummer 690.

In der Werkstatt heute steht neben dem althergebrachten und bewährten Arbeitstisch für zwei Goldschmiede eine hochmoderne Maschine, die mittels Laserstrahl und gesteuert von einem Rechner Gravuren fertigt und Metalle schneidet.

Gegenüber eine kleine Drehbank älteren Datums mit sehr gleichmäßig laufendem Elektromotor und Riemenübersetzung. Die Drehzahl des Werkzeugs wird mit eben diesen Treibriemen reguliert, die per Hand auf die verschieden großen Antriebsräder umgelegt werden.

Mit der Zeit gehen, das ist für Stefan Stahl ein wichtiger Aspekt, um mit dem Betrieb im Herzen der Stadt auch in Zukunft zu bestehen. So konnte die Zertifizierungsstufe drei des Uhrenherstellers Omega jüngst erreicht werden.

Als einer der wenigen Uhrmacherbetriebe im Land dürfen daher beim Juwelier Stahl die Armbanduhren der Firma Omega repariert werden. Dafür musste Stefan Stahl seine Werkstatt nach den strengen Vorgaben dieses Herstellers ausrüsten, dafür musste ein System installiert werden, um die Zahl der Staubteilchen in der Luft zu verringern, dafür war ein Reinigungsgerät nötig, worin die vollständig in ihre Einzelteile zerlegten Uhren mit Ultraschall gereinigt werden.

Renaissance der Armbanduhren

In den letzten drei bis vier Jahren erleben nach den Worten von Stefan Stahl hochwertige mechanische Armbanduhren ihre Renaissance. Allerdings seien etwa Golfen und Holzhacken für mechanische Armbanduhren nicht zuträglich. Das abrupte Abstoppen lässt das Uhrwerk quasi innen an das Uhrengehäuse schlagen. Darunter leiden die Lager der Rotoren, bei funkgesteuerten Uhren kann auf Dauer die integrierte Antenne zerstört werden.

Immer wieder kommen auch exotische Uhren in die Stahl'schen Werkstätten. So erst zwei Exemplare einer TeleNorma-Steueruhr. Die Pendeluhren lösen mit variabel zu setzenden Stiften auf Scheiben zur gewollten Zeit Signale aus. Etwa 70 Jahre alt sind diese Veteranen.

Seit dem Umzug aus dem Steinweg in die Spitalgasse steht der Firmenname "Emil Stahl" in nüchternen klassischen Lettern an der Fassade des Hauses.

Als noch Autos durchs Tor fuhren

Die Bundesstraße 4 führte damals von Süden durch die Ketschengasse über den Coburger Marktplatz, weiter durch die "Spit" und den Steinweg in die Neustadter Straße und weiter nach Lautertal. Auf zwei Fahrspuren floss der Autoverkehr mehr oder weniger stockend durch die Spitalgasse und das Tor. Schmal und eng waren die Gehwege auf beiden Seiten. Das war ein Grund, warum die Familie Stahl das Geschäftshaus Ende der 1970er Jahre umbaute und eine Passage schuf. "Damit konnten Passanten entspannt die Auslagen betrachten."

Feier mit Beland geplant

Zum aktuellen Jubiläum wollte Stefan Stahl, Obermeister der Coburger Goldschmiede, selbstverständlich auch den Kreishandwerkermeister Jens Beland einladen. Dieser hatte am gleichen Tag die Gründung des eigenen Malerbetriebs vor 100 Jahren feiern wollen.

Damit man sich nicht gegenseitig die Gäste streitig macht, legten Beland und Stahl kurzerhand die Feiern zu einer Veranstaltung zusammen. Die Hälfte der Einladung war bereits verschickt, dann machte sich das Coronavirus breit und alle Pläne zunichte.

Wie jetzt das 125-jährige Firmenjubiläum dem Coronavirus zum Opfer fiel, konnte auch der 50. Geburtstag nicht gefeiert werden, hätte es doch wenige Tage vor Kriegsende begangen werden sollen. Mit einer Sondergenehmigung wurde dann zehn Jahre später das 60. Geschäftsjubiläum gefeiert. Seinerzeit war das noch per Gesetz geregelt. Erst vor 20 Jahren wurde diese Vorschrift gekippt.