Bewohner von Pflegeheimen gehören in der Coronakrise zu den besonders gefährdeten Personengruppen, die höchstmöglichen Schutz benötigen. Aus diesem Grund galt in stationären Pflegeeinrichtungen, Intensivpflege-WGs, Altenheimen und Seniorenresidenzen von März bis Juni ein allgemeines Besuchsverbot. Sowohl Pflegebedürftige als auch Angehörige waren zu dieser Zeit erheblichen psychischen Belastungen ausgesetzt. Seit dem 29. Juni sind Besuche wieder möglich, wenn auch nur in sehr eingeschränktem Maße. Dass die Situation nach wie vor belastend für Angehörige und herausfordernd für die Verantwortlichen der Einrichtungen ist, zeigt sich auch in Lichtenfels.

Schwierige Besuchsbedingungen

Alfred Förtsch ist 90 Jahre alt. Dreimal die Woche besucht er seine Frau im BRK-Pflegeheim Am Weidengarten. In die Einrichtung dürfte er derzeit nur, wenn er den sogenannten "Raum der Stille" nutzen würde. In diesem Zimmer könnte er für eine Viertelstunde an einem Tisch mit seiner Frau sprechen – durch eine Plexiglasscheibe hindurch.

Um mehr Zeit für sie zu haben, lässt er sie lieber mit dem Rollstuhl nach draußen bringen. Dort sind die Verhältnisse jedoch auch nicht optimal. "So lange schönes Wetter ist, geht es", berichtet er. "Bei Regen allerdings ist die einzige geschützte Sitzmöglichkeit die Bushaltestelle." Er habe deshalb vorsichtshalber immer zwei Regenschirme, eine dicke Jacke und Decke im Auto dabei.

Die Sitzbänke im äußeren Eingangsbereich des BRK-Heims sind laut Heimleitung unter Wahrung des Hygieneabstandes zwar nutzbar. Angehörige berichten allerdings, dass sie das Personal erst kürzlich noch von dort verwiesen hat. In der direkten Umgebung ist es indes schwierig, geeignete Plätze zum Verweilen zu finden.

Spaziergänge, insbesondere mit Pflegebedürftigen im Rollstuhl, sind aufgrund der Lage so gut wie unmöglich. "Der Standort am Berg, ohne Parkanlage zum Spazierengehen, ist äußerst nachteilig", befindet Ingrid Bogdahn, deren Eltern in der Einrichtung betreut werden. Sie hat immerhin die Möglichkeit, ihre Eltern zwischendurch zu sich nach Hause zu holen. Doch das ist nicht allen Angehörigen möglich. Bei Demenzkranken ist es beispielsweise schwierig, da diese teilweise nicht mehr ins Heim zurückwollen.

Die Suche nach Lösungen

Für den BRK-Kreisverband sind die Anliegen der Angehörigen nachvollziehbar. Deshalb wird mit Hochdruck an Lösungen für mehr Besucherzonen gearbeitet, wie Geschäftsführer Thomas Petrak erklärt: "Wir prüfen derzeit verschiedene Optionen, um noch mehr Flächen und damit Aufenthaltsmöglichkeiten zu schaffen. Aufgrund der nahenden kalten Jahreszeit ist das allerdings nicht so einfach." In den kommenden Wochen wollen die Verantwortlichen zunächst einen beheizten Pavillon errichten – weitere Raumlösungen seien bereits in Arbeit.

Ein Konzept für Besuche innerhalb der Einrichtung sei laut Heimleiterin Annett Kürsten derzeit nicht realisierbar, insbesondere vor dem Hintergrund der erneut steigenden Fallzahlen im Landkreis Lichtenfels. "Wir möchten Besuche gerne zulassen, aber es darf hierbei nicht vergessen werden, dass dies auch personaltechnisch eine Herausforderung ist." So werde derzeit viel Personal für das Kontaktpersonenmanagement und die Hygienemaßnahmen gebunden. Das Vordringlichste sei aber nach wie vor die Versorgung der Bewohner. "Eine Stunde Besuch wiegt nicht 23 Stunden in der Einrichtung auf. Im Moment haben wir keine andere Handhabe, weil wir die Verantwortung tragen", betont Annett Kürsten. Erklärend fügt sie hinzu, dass es sehr schwierig sei, bei über 150 Bewohnern einen strukturierten Besucherverkehr unter Einhaltung der Abstands- und Hygieneregeln sicherzustellen.

Vorerst keine Besuche möglich

Über eine Verbesserung der aktuellen Besuchsregelungen, wie sie derzeit analog für das BRK-Heim in Bad Staffelstein gelten, sei laut Thomas Petrak auch mit Experten vom Medizinischen Dienst der Krankenversicherung Bayern (MDK Bayern) beraten worden. Die Empfehlung laute hier eindeutig, keinesfalls Leute alleine ins Haus zu lassen und stets dafür zu sorgen, dass sich nicht zu viele Menschen in der Einrichtung aufhalten. Auch die Einhaltung von ausreichend Abstand auf den sich oftmals überschneidenden Wegen sei stets zu kontrollieren.

Dies könne jedoch momentan nicht gewährleistet werden. Selbst wenn man schriftlich darauf hinweise, dass sich Besucher auf direktem Wege ins Zimmer begeben und nach einer Stunde wieder gehen sollen, würden sich einige nicht daran halten. "Wir sind bislang von Coronafällen verschont geblieben und das soll auch so bleiben. Es ist in der Tat beschwerlich für Angehörige, aber wir bitten um gegenseitiges Verständnis und versuchen zum Wohle der Bewohner das Beste daraus zu machen", resümiert Petrak.

Mittelweg im Elisabethenheim

Einen guten Spagat in dieser Hinsicht scheint indes das Pflegeheim Elisabeth gefunden zu haben. So jedenfalls bewertet Fabian Franke, Geschäftsführer der Cura Ambulante Pflege Lichtenfels GmbH, die Besuchssituation der Einrichtung mit seinen 63 Bewohnern. "Wir haben ein hausinternes Hygienekonzept auf den Weg gebracht, das verschiedene Besuchsbereiche vorsieht, wo Bewohner und Angehörige Zeit miteinander verbringen können." Möglich sei der Besuch nach telefonischer Voranmeldung sowohl im Außenbereich als auch im Speisesaal. Dort haben die Verantwortlichen große Bereiche abgesteckt, so dass dort genügend Abstand vorhanden ist.

Anfängliche Widerstände

Bei allen Maßnahmen, für die man sich entschieden habe, sei es Franke und seinen Kollegen stets wichtig gewesen, einen Mittelweg zwischen Menschenwürde und Infektionsschutz zu finden. "Trotz anfänglicher Widerstände vonseiten der Angehörigen tragen es nun alle zum größten Teil mit und haben Verständnis für die schwierige Situation", erklärt der Geschäftsführer. Dass es wichtig sei, soziale Kontakte zuzulassen, habe er in Phasen der extremen Isolation gemerkt, als einige Bewohner psychisch und kognitiv nachgelassen haben. "Seit den Lockerungen Ende Juni hat sich die Situation verbessert, und es hat den Pflegebedürftigen sehr gut getan, ihre Angehörigen zu sehen und mit ihnen zu sprechen."

Ob und wie sich die Besuchssituation künftig verändern wird, lässt sich derzeit schwer sagen und dürfte vor allem vom jeweiligen regionalen Infektionsgeschehen abhängen. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hatte sich vergangene Woche dafür ausgesprochen, auf Beschränkungen und Konzepte statt auf flächendeckende Besuchsverbote in Pflege- und Altenheimen zu setzen. Bei jedem Ausbruchsgeschehen solle regional oder lokal reagiert werden.

Für Bayern und damit auch Lichtenfels heißt das: Wenn es mehr als 35 Infektionen pro 100 000 Personen gibt, können Gesundheitsämter präventiv reagieren. Bei einem Schwellenwert von mehr als 50 Infektionen können Besucherstopps angeordnet werden.