Helmut Ulbrich ist Vorsitzender des Kleintierzuchtvereins Thurnau und Umgebung. In letzter Zeit hat er viele E-Mails bekommen. Zahlreiche Menschen sind am Einstieg in die Hühnerhaltung interessiert und suchen beim Verein Rat. "Ich freue mich über das rege Interesse", sagt Ulbrich und spricht von einer "Win-Win-Situation": Der Verein bekomme mehr Zulauf und habe so immerhin schon fünf neue Mitglieder gewonnen.

Ulbrich zufolge haben Hobby-Halter drei bis vier Hühner im eigenen Garten, um sich selbst mit Eiern versorgen zu können. Selten ist ein Hahn dabei, "denn das Krähen kann problematisch werden wegen der Nachbarn". Sogar die Industrie habe sich angepasst und mehr kleine Ställe für die Gartenhaltung auf den Markt gebracht. Ulbrich zufolge hat sich dieser Trend allerdings schon vor Jahren abgezeichnet, nicht erst seit Beginn der Corona-Pandemie, wie im Oktober die Süddeutsche Zeitung auf ihrem Online-Portal berichtete. Der Menchauer vermutet, dass das Interesse der Menschen an der Herkunft von Lebensmitteln, die Bio-Welle und die Ablehnung von Massentierhaltung verantwortlich sind. Corona habe diese Bewegung lediglich verstärkt.

Zahlen der Kulmbacher Veterinärbehörde zeigen seit 2017 einen stetigen Anstieg der Hühnerhalter von 716 auf aktuell 839 (Stand 10. Februar 2021). Amtstierarzt Andreas Koller bestätigt: "Die Zunahme ist primär auf Hobby-Hühnerhalter zurückzuführen."

Mit Seuchenregeln nicht vertraut

Doch die Privatleute seien mit den entsprechenden tierseuchenrechtlichen Regelungen und Vorgaben nicht immer vertraut. "Die Information dieser Zielgruppe ist aus unserer Sicht aber gerade aktuell sehr wichtig, da mit dem Auftreten von Aviärer Influenza in Deutschland wieder ein hohes Risiko der Seucheneinschleppung in Hühnerbestände besteht", betont Koller.

Aviäre Influenza ist der Fachausdruck für die Geflügelpest, umgangssprachlich auch Vogelgrippe genannt. Es handelt sich um eine Viruserkrankung, die bei Hühnervögeln grippeähnliche Symptome hervorruft und relativ schnell zum Tod führt. Das Virus ist vor allem im Herbst und Winter unter Wildvögeln weit verbreitet.

Hausgeflügelbestände werden beispielsweise durch den Kot von Wildvögeln infiziert, der von oben in den Auslauf fällt oder vom Menschen an den Schuhen in den Stall getragen wird. Wie die Bayerische Rundschau am 2. Februar berichtete, wurde die Geflügelpest in Pottenstein im Landkreis Bayreuth in einem privaten Hühnerstall nachgewiesen. Zusätzlich nahmen bayernweit die Geflügelpestnachweise bei Wildvögeln zu. Daher ordnete das Staatsministerium für Umwelt und Verbraucherschutz vorbeugend verstärkte Biosicherheitsmaßnahmen für allen Landkreise an. Auch Hobbyhühnerhalter müssen nun verstärkt auf Hygiene achten. Nachlesen kann man die einzelnen Maßnahmen auf der Website des Landratsamts.

Auch Hühnern kann langweilig werden

In den Landkreisen Bayreuth und Forchheim gibt es bereits eine sogenannte Aufstallungspflicht, bei der Geflügel zwingend im Stall oder unter einer überdachten Vorrichtung bleiben muss. Das ist in Kulmbach noch nicht der Fall. Falls es dazu kommt, erklärt Bio-Landwirt und erfahrener Hühnerhalter Daniel Kaßel (26) aus Windischenhaig, wie man mit der Situation umgehen kann: "Wenn die Hühner den ganzen Tag im Stall sind, muss man sie beschäftigen, etwa mit Stroh, Luzerneheu oder -cobs." Ansonsten sei den Tieren langweilig und sie würden beginnen, sich gegenseitig zu hacken. "Im schlimmsten Fall bricht Kannibalismus aus", so Kaßel.

Als Landwirt befasst er sich beruflich mit den Tieren. In und um seine beiden mobilen Hühnerställen in Windischenhaig leben rund 450 Legehennen. Kürzlich ist ein weiteres Mobil für Masthähnchen dazu gekommen. "Im Studium habe ich einiges an Fachwissen gesammelt, doch ich lerne nie aus", sagt er, vor allem was die richtige Fütterung und die Prävention von Tierkrankheiten betreffe. Hühnerhaltung solle man nicht unterschätzen. Genauso wie die Haltung anderer Nutztiere sei sie eine Wissenschaft für sich.

Meldepflicht für Hühner

Dass viele Hühnerhalter nicht mit den gesetzlichen Vorgaben vertraut sind, zeigen die Zahlen: Lediglich 391 der 743 im Jahr 2020 beim Kulmbacher Veterinäramt gemeldeten Hühnerhalter haben sich auch bei der Tierseuchenkasse gemeldet, obwohl Meldepflicht besteht. Drei Behörden sind es im Freistaat, die ein neuer Hühnerhalter kontaktieren muss: das Amt für Ernährung Landwirtschaft und Forsten, das Veterinäramt und die Tierseuchenkasse.

Solche Informationen und viele mehr findet man in der Broschüre "Informationen zur Hobby-Hühnerhaltung", herausgegeben im Januar vom Bayerischen Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) - aus gegebenen Anlass, denn in ganz Bayern nimmt die Zahl der Hobby-Hühnerhalter zu. Im Jahr 2018 waren es laut Bayerischer Tierseuchenkasse noch 38 904, im Jahr 2020 schon 41 728. Geschäftsführer Michael Köstler weist auf eine "gewisse Dunkelziffer" hin, die sich nur schwer abschätzen lasse. Er fügt hinzu: "Die Meldezahlen steigen unter anderem immer dann an, wenn in den Medien von Ausbrüchen der Geflügelpest berichtet wird."

"Pflichtlektüre für Hühnerhalter"

Die 39-seitige Broschüre des LGL, die man unter www.bestellen.bayern.de kostenlos herunterladen kann, vermittelt kurz und prägnant sämtliches Wissen rund um die Hühnerhaltung sowie wichtige Fragen, die man sich vor der Anschaffung stellen sollte, etwa: "Habe ich genug Zeit, mich um die Hühner zu kümmern?" oder "Sind die Örtlichkeiten für die Hühnerhaltung geeignet?". Ebenfalls im Vorwort steht: "Jeder Hühnerhalter muss über Kenntnisse und Fähigkeiten verfügen, um die von ihm gehaltenen Tiere tierschutzgerecht zu versorgen."

Es wird nicht nur erklärt, welche Impfungen Hühner brauchen oder, wie man bei Geflügelpestgefahr richtig aufstallt, sondern beispielsweise auch, wie man Hühnermist sachgemäß entsorgt.

"Die Broschüre fasst die wesentlichen veterinärrechtlichen Vorgaben für Privathaltungen zusammen und soll so Hobby-Hühnerhalter für die grundlegenden Voraussetzungen einer ordnungsgemäßen Tierhaltung sensibilisieren. Aus unserer Sicht sollte sie zur Pflichtlektüre für alle Hühnerhalter gehören", so Amtstierarzt Andreas Koller.

Nicht alle Kleintierzuchtvereine spüren den gleichen Zulauf wie der in Thurnau. Der Vorsitzende des Kleintierzuchtvereins Burghaig, Markus Eber, bestätigt, dass bisher noch keine Anfragen in Sachen Hühnerhaltung eingegangen sind. "Das ist schade, denn der Verein könnte die Hobbyhalter unterstützen", sagt er. Schön wäre es, wenn die Leute auch wieder an der Zucht interessiert wären, um seltene, alte Rassen wie etwa das Barnevelder Huhn, das Italiener Huhn oder das Mechelner Huhn zu erhalten.

Vor dem Züchten würden viele Menschen aber zurückschrecken, so Eber, denn zum einen brauche man einen Hahn, der eben kräht, zum anderen fielen unter den Küken weitere Hähne an, die - falls sich kein Abnehmer findet - geschlachtet werden müssen: "Dann hätte man zusätzlich zu den Eiern noch einen selbst gezogenen Braten." Aber das Schlachten der Tiere sei vielen Hobby-Hühnerhaltern zu viel.