W enn Ende November tristes Wetter herrscht und die Vögel nicht mehr zwitschern und die Bäume ihre kahlen Äste in den grauen Himmel strecken, dann macht uns der Stillstand in der Natur am Ende des Kirchenjahres deutlich, wie vergänglich, endlich und sterblich alles ist, auch der Mensch. Da lässt man sich leicht von dieser Novemberstimmung anstecken, vor allem dann, wenn es traurige Gedanken gibt: der Tod der Mutter oder eines Freundes, eine schwere Krankheit in der Familie, die eigene Gebrechlichkeit, die Angst vor dem eigenen Tod.

Andererseits hat Michelangelo einmal gesagt: "Wenn wir das Leben lieben, sollten wir den Tod nicht fürchten, denn er kommt aus derselben Hand." Alles stammt aus Gottes Hand, auch der Tod. Stimmt das überhaupt? Ich will hier gar nicht von Kriegen und Gewalttaten unter Menschen reden. Wenn ich die Nachricht höre, dass in den letzten Jahrzehnten weltweit 60 Prozent der Wirbeltierarten und bei uns in Deutschland 75 Prozent der Insekten verschwunden sind, muss man da nicht sagen, in diesem Fall liegt ihr Tod, ihr Aussterben doch wohl eher in des Menschen Hand? Bräuchte es da nicht so etwas wie einen weltweiten Buß- und Bettag, an dem sich die Menschheit besinnt? Doch gibt es die Menschheit als solche ja nicht, sondern Milliarden von einzelnen Menschen, jeder für sich verantwortlich für sein Handeln, jeder für sich auch konfrontiert mit der eigenen Endlichkeit. Alles stammt aus Gottes Hand, sogar der Tod.

Zumindest für das Leben eines jeden einzelnen Geschöpfes - Mensch wie Tier - müssen wir das anerkennen. Aber wie heißt es doch so schön: Die Hoffnung stirbt zuletzt.

Hoffnung ist das, woran wir festhalten, wenn das Leben unüberschaubar wird. Hoffnung lässt uns nach vorne schauen, wenn die Lage aussichtslos erscheint, wenn wir schon aufgeben wollen. Hoffnung wagen wir manchmal gegen den Augenschein. Am Ende des Kirchenjahres stellen wir uns der Tatsache, dass unser Leben endlich ist. Doch die Bibel erzählt immer wieder von Hoffnung. Sie erzählt davon, was uns Menschen nicht gelingt. Sie spricht von Tränen und Leid, Unrecht und Versagen. Aber sie bleibt dabei nicht stehen, sondern verkündet eine Hoffnung auf das, was einst sein wird: Gott selbst wird das, was wir nicht schaffen, in die Hand nehmen und seine Welt neu machen. Er wird unsere Tränen abwischen und wird den Frieden stiften, den wir so dringend brauchen.

"Herr, lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden." Nicht: Auf dass wir hektisch werden. Nicht: Auf dass wir ängstlich werden. "Auf dass wir klug werden." Meine Zeit ist begrenzt.

Das ist so. Auch schwere Zeit ist begrenzt. Zugleich ist meine Zeit aufgehoben in Gottes Ewigkeit. Da hinein gehört als kleiner Ausschnitt die mir geschenkte Zeit. Nutzen möchte ich sie. Genießen möchte ich sie. Verantwortungsvoll umgehen möchte ich mit ihr. Aufgehoben möchte ich sie wissen bei ihm, meinem Schöpfer. "Meine Zeit steht in deinen Händen."

Dieses Lied will uns ruhig machen, sagt es uns doch: Hier und jetzt ist meine einmalige, von Gott geschenkte Zeit. Und sie wird nicht einfach zu Ende gehen, sondern einmünden in Gottes Ewigkeit.

Damit wünsche ich Ihnen am kommenden Wochenende nicht einen schönen Totensonntag, sondern einen schönen Ewigkeitssonntag.

(Sieghard Sapper ist der Pfarrer der evangelischen Kirchengemeinde Hofheim-Lendershausen-Eichelsdorf.)