Traditionell beginnt der November mit den Friedhofsbesuchen an Allerheiligen und Allerseelen. Dabei schmücken die Angehörigen die Gräber ihrer Liebsten und zünden Kerzen für sie an.
Auch an den kommenden stillen Feiertagen gedenken viele ihrer Verstorbenen und besinnen sich auf das eigene Leben. Dabei finden die Menschen auf dem Friedhof viel mehr als nur Trost.


Ort der Besinnlichkeit

Margit Thron besucht das Grab ihres Mannes. Vor acht Jahren starb er unerwartet, kurz nach der Silberhochzeit. Seitdem fährt sie fast täglich nach der Arbeit zum Kronacher Friedhof, der Gang dorthin mache sie ruhiger.
Viele Beerdigte kannte Margit Thron, jeder Grabbesuch mache ihr die eigene Sterblichkeit erneut bewusst. "Das gibt mir Kraft, den Alltag zu meistern", erklärt sie. Auch eine andere Friedhofbesucherin gesteht, dass sie der Anblick der Grabsteine immer wieder aufs Neue zum Nachdenken über die Vergänglichkeit und das eigene Leben anregt.
Fast alle Besucher an diesem Vormittag gehen auf den Friedhof, um den Verstorbenen nahe zu sein. Die meisten haben beim Grabbesuch das tröstende Gefühl, mit den Toten im Geist reden zu können.
Aus diesem Grund ist auch Karin Kaiser sehr gerne dort. Für sie ist er "eine Anlaufstätte, in der man im Zwiegespräch mit den Verstorbenen treten kann". Auch erklärt eine weitere Frau, dass sie das Gefühl hat, dass durch das Grab "noch etwas von jemandem da ist, der einen verlassen hat."


Lebendiger als gedacht

Doch nicht nur die Angehörigen suchen die Nähe zu ihren Verstorbenen, auch die einzelnen Besucher kommen untereinander in Kontakt. Margit Thron beobachtet das häufig und sieht im Friedhof "eine Art Begegnungsstätte für ältere Leute", die gegen das Vereinsamen hilft. "Die älteren Menschen reden miteinander, gießen dabei ihre Gräber und gehen anschließend einen Kaffee trinken", erzählt sie.
So besuchen auch zwei ältere Damen gerne täglich gemeinsam die Gräber ihrer Ehemänner. Für sie ist der Friedhof "wie ein Park", in dem man im Sommer auf der Bank verweilen kann. Sie freuen sich aber auch auf die kalte Jahreszeit: "Wenn bald im Winter der Schnee liegt und abends die Lichter leuchten, dann sieht es hier aus wie im Märchen."
Als Kinder seien sie jedoch ängstlich gewesen, einen Friedhof zu betreten. Auch gestehen einige Angehörige, dass sie ihn nur tagsüber betreten würden, weil ihnen die Atmosphäre in der Nacht äußerst unheimlich sei.


Bestandteil des Alltags

Ganz im Gegensatz zu den ängstlicheren Besuchern berichtet eine Frau, dass sie schon als Kind gerne Friedhöfe betreten habe. Dabei ist es ihr egal, ob sie einen persönlichen Bezug zur Begräbnisstätte hat oder nicht. Sie besucht den Kronacher Friedhof nur, weil sie etwas Wartezeit in der Stadt überbrücken musste. Das mache sie in solchen Fällen gerne.
Mit den vielen geschmückten Gräbern und Besuchern ist er für sie "vielmehr ein fröhlicher als ein trauriger Ort". Insgesamt ist der Friedhofsbesuch für alle ein fester Bestandteil ihres Lebens. Ohne den Ruheort würde ihnen etwas fehlen.
Und auch unabhängig davon, an welchem Tag , wie oft oder aus welchem Grund der Friedhof besucht wird, fasst Margit Thron treffend zusammen: "Entscheidend ist, dass wir die Liebsten immer im Herzen mit uns tragen."