In Deutschland war es das Klopapier, in Südkorea waren es die Gesichtsmasken, die mit dem Ausbruch der Corona-Krise nirgends mehr zu bekommen waren. Die südkoreanische Regierung reagierte und etablierte ein strenges, aber effektives Verteilsystem.

In Südkorea war man sich ziemlich sicher, Corona im Griff zu haben. Doch dann gingen von einer Sekte in der Stadt Daegu und einem Provinzkrankenhaus im Süden der Halbinsel zwei sogenannte Cluster-Infektionen aus und innerhalb von zwei Wochen stieg die Zahl der Corona-Infizierten um das 63-fache. Doch seit dem 12. März stabilisieren sich die Zahlen der täglichen Neuinfektionen. "Die Kurve flach halten", um das Gesundheitssystem nicht zu überlasten. In Südkorea scheint das geglückt zu sein. Was die südkoreanische Regierung dafür tut und die Bürger in Kauf nehmen lesen Sie im dritten Teil unserer Serie.

"Dass ich auf Instagram einmal ein Video über volle Supermarktregale mit Klopapier posten würde, hätte ich auch nie gedacht. Noch viel weniger, dass ich einmal ein Carepaket, mit einem nicht zu verschweigenden Anteil Klopapier, nach Deutschland schicken würde." Ich schüttle ungläubig den Kopf, während ich mein sieben Kilogramm schweres Paket auf die Waage hieve, die auf dem Tresen des kleinen Postamts in meinem Wohnviertel steht. Gefüllt ist die Box in Größe einer Umzugskiste mit Fertignudelsuppe, Gewürzmischungen, getrocknetem Seetang, Süßigkeiten und eben Klopapier. Ähnliches spielt sich eine Station weiter ab, wo ein älteres Ehepaar einen prall gefüllten Koffer nach Russland schicken will.

Masken schicken verboten

"Masken sind da aber keine drin, oder?", fragt mich die Postbeamtin und zeigt auf mein Packet. "Masken zu verschicken ist gerade nicht erlaubt, wissen Sie", fügt sie hinzu, während sie meinen Sendeschein ausfüllt. Klopapier, Mehl, Hefe oder Reis waren und sind in Südkorea reichlich vorhanden. "Gehamstert" wurden hier lediglich Gesichtsmasken. Der Griff zur Maske, bevor ich das Haus verlasse, ist mittlerweile zur Routine geworden. In Südkorea, wie in ganz Asien, ist das Tragen eines Mundschutzes per se nichts Außergewöhnliches. Besonders in den Millionenmetropolen zwingt die hohe Luftverschmutzung die Menschen regelmäßig zum Tragen eines Atemschutzes. So waren bereits vor Corona die verschiedensten Arten von, unter anderem auch im Inland produzierten, Masken fester Bestandteil eines jeden Supermarktes oder Kiosks. Doch dann stieg im Februar die Zahl der mit Covid-19 infizierten Personen rasant, und die Regale waren binnen weniger Tage leergefegt.

Je weniger Masken auf dem freien Markt zu Verfügung standen, desto größer wurde der Unmut der Bevölkerung, die Kritik an der Regierung und ihr Krisenmanagement wurde lauter. Diese reagierte, sie stoppte die Lieferung von Masken an den freien Markt und baute im nächsten Schritt ein streng geregeltes Masken-Verteilsystem auf. Dieses funktioniert wie folgt: Zum Verkauf der als schützend geltenden KF94-Masken (KF94 entspricht dem europäischen Schutzgrad FFP2, Anm. d. Red.) sind nur noch Apotheken berechtigt. Eine Person darf pro Woche maximal zwei dieser Masken kaufen.

Um dies zu kontrollieren, ist die gesamte Bevölkerung in Südkorea nach Geburtsjahr auf die Wochentage Montag bis Freitag aufgeteilt. Das heißt, dass Menschen, deren Geburtsjahr etwa auf die Zahl 1 oder 6 endet, am Montag Masken kaufen dürfen. Menschen, deren letzte Zahl des Geburtsjahres 2 oder 7 lautet, dürfen dienstags Masken kaufen, und so weiter. Wer an dem entsprechenden Wochentag, aus welchen Gründen auch immer, keine Masken kaufen konnte, kann das am Wochenende nachholen. Samstag und Sonntag können Masken unabhängig vom Geburtsjahr erworben werden. Beim Kauf muss in der Apotheke der Ausweis vorgelegt werden, auf dem die individuelle Identifikationsnummer steht. Diese gilt gleichzeitig auch als Krankenversicherungsnummer. Der Apotheker oder die Apothekerin kann unter dieser Nummer genau sehen, wann die Person das letzte Mal Masken erworben hat. Jeder Kauf wird registriert, so dass es unmöglich ist, mehr Masken zu erwerben als einem zustehen. Das klingt alles ziemlich kompliziert, deswegen ein konkretes Beispiel: Ich bin im Jahr 1992 geboren. Demnach ist die letzte Zahl meines Geburtsjahres die 2. Der mir zugeteilte Wochentag ist damit der Dienstag. Ich kann also jeden Dienstag in eine beliebige Apotheke gehen, meinen Ausweis vorzeigen, und nach einer Abgleichung mit meiner Kaufhistorie werden mir zwei Masken mit KF94 bzw. FFP2 Schutzgrad ausgestellt. Manchmal ist es mir allerdings passiert, dass am Dienstag schon alle Masken ausverkauft waren, als ich in die Apotheke kam. In diesem Fall bin ich dann am Samstag wieder in die Apotheke gegangen, um meine wöchentliche Masken-Ration zu holen. Übrigens sind die Masken staatlich subventioniert. Zwei Masken kosten 3.000 Won, umgerechnet etwa 2,25 Euro. Der reguläre Preis beträgt etwa das Doppelte.

Nachfrage entspannt sich

Da in Südkorea mittlerweile lediglich um die zehn Corona-Neuinfektionen pro Tag gemeldet werden, hat sich auch die Nachfrage nach Masken wieder etwas entspannt. Was nicht heißt, dass die Menschen keine Masken mehr tragen, sondern dass man gelernt hat, mit der vorhandenen Menge besser umzugehen. Durch das staatliche Verteilsystem waren und sind Hamsterkäufe schließlich unmöglich. Sich in der Öffentlichkeit mit Maske zu bewegen, gehört in Südkorea seit Corona zum guten Ton. Schiefe Blicke für Maskenträger gibt es nicht, eher andersherum: Wer keine Maske trägt, wird mit einem vorwurfsvollen, unverständlichen Kopfschütteln bedacht. Natürlich ist den Südkoreanern auch bewusst, dass das Tragen einer Maske keinen hundertprozentigen Schutz bietet.

Aber den meisten ist sehr wohl bewusst, dass man als potenzieller Corona-Infizierter ohne Symptome durch das Tragen einer Maske andere Personen vor den eigenen Viren schützen kann. Trotzdem ist das Maskentragen für die Menschen in Südkorea genauso lästig und unangenehm wie für die Deutschen. Aber wenn schon auf absehbare Zeit keine Herdenimmunität erreicht werden kann, dann vielleicht ein gewisses Maß an Herdenschutz. Vorausgesetzt jede und jeder verzichtet für den Schutz anderer auf ein bisschen eigenen Komfort.