Es ist eine der größten Migrationsbewegungen, die es auf der Erde gibt - und sie ist gerade jetzt in vollem Gang. "September und Oktober sind die Hauptreisezeit des Vogelzugs", sagt Frank Reißenweber, Vorsitzender des Landesbundes für Vogelschutz in Coburg. Doch seit die Winter bei uns milder geworden sind, machen einige Vögel nicht mehr mit bei den Langstreckenflügen.

Viele Vögel, die im Coburger Land gebrütet und ihre Jungen aufgezogen haben, verlassen uns. Etwa die Rauchschwalben, die schon größtenteils nach Süden verschwunden sind. "Die Mehlschwalben sammeln sich zuerst in größeren Trupps. Dann sind sie irgendwann über Nacht plötzlich weg", sagt Frank Reißenweber. Bis Ende des Monats rechnet er damit, dass die letzten Mehlschwalben der Region den weißen Rücken gekehrt haben.

Insektenfresser sind schon los

Vor allem Insektenfresser ziehen zeitig los. Und sie ziehen teilweise enorm weit. "Kuckuck und Neuntöter fliegen bis über die Sahara hinweg", sagt Frank Reißenweber. Afrika war früher auch für fast alle Störche das Ziel als Winterquartier. Doch: "Da hat sich wohl auch wegen des Klimawandels einiges geändert." Vor allem Störche, die in Westrichtung ziehen, bewegen sich nicht mehr so weit von uns weg. Sie fliegen nur noch bis Spanien oder Frankreich. "Dadurch gibt es weniger Verluste beim Zug, und sie sind im Frühling früher wieder hier und können gute Nistmöglichkeiten besetzen", erklärt Frank Reißenweber. Einige Störche ziehen es inzwischen vor, ganz auf den Zug in den Süden zu verzichten. "Sie flüchten höchsten ein Stück in Richtung Süden, falls der Winter doch härter wird."

Störche sind nicht die einzigen, die bereits umdenken. "Das passiert schon jetzt immer häufiger, zum Beispiel beim Hausrotschwanz oder der Mönchsgrasmücke", erklärt Vogelzugforscherin Dr. Barbara Helm in einer Veröffentlichung des Naturschutzbundes NABU. Wenn die Winter generell milder werden, dann wird dieses Verhalten der Tiere belohnt und Standvogelverhalten kann sich schnell verbreiten. "Schwierig wird es aber, wenn das Wetter immer extremer wird, mit Wechseln zwischen besonders kalten, warmen, trockenen und niederschlagsreichen Perioden. Auch das wird ja mit dem Klimawandel in Verbindung gebracht", sagt sie. Wer dann das Wissen um den Zug nach Süden über Generationen verloren hat, bekommt ein Problem.

Inzwischen sind es nach Kenntnissen des Landesbundes für Vogelschutz bei den Störchen schon mehrere Hundert Brutpaare, die lieber bei uns bleiben, als die Strapazen des Zuges auf sich zu nehmen. "Das dürfte auch ein wesentlicher Grund dafür sein, dass die Bestandszahlen so hoch werden konnten, wie sie heute sind", sagt Frank Reißenweber. Mehr Störche als heute gab es in Bayern und im Coburger Land noch nie.

Das Coburger Land wird aber schon immer nicht nur verlassen. "Es gibt auch einige Arten, die kommen, um hier zu überwintern", sagt Frank Reißenweber. So sind schon jetzt Silberreiher zu beobachten, die aus dem Norden zu uns gekommen sind und wohl hier überwintern wollen. Dazu kommt einiges an Bewegung durch Vögel, die auf ihrem Weg von Nord nach Süd hier Station machen, um sich auszuruhen. "Am Goldbergsee lässt sich da zurzeit eine Menge beobachten", sagt Frank Reißenweber - auch als Tipp für Naturfreunde, mal mit einem Fernglas zur Naturbeobachtung an den See zu kommen.

Viele Enten- und Gänsearten und andere Zugvögel geben sich dort ein Stelldichein. Dabei lassen sich Arten beobachten, die wir schon den ganzen Sommer über gesehen haben. Nur, dass es jetzt ganz andere Tiere sind. Mauersegler etwa oder Kiebitze, die hier gebrütet haben, sind schon weg. Dafür machen einige ihrer Artgenossen hier auf ihrem Weg aus dem Norden in den Süden Rast.

Ornithologen gehen beim weltweiten Vogelzug von rund einer Milliarde Individuen aus, die in Bewegung sind. Darunter finden sich echte Rekordflieger. "Küstenseeschwalben fliegen teilweise vom Nordmeer bis an den Rand der Antarktis und kommen im nächsten Jahr zurück. Sie haben fast immer Tag. Nur auf dem Zug erleben sie mal Nächte", sagt Frank Reißenweber.

Es wurde immer ein Stückchen weiter

Dass Vögel so enorme Strecken zurücklegen, führen Wissenschaftler unter anderem auf die Verschiebung der Kontinente zurück. Angestammte Flugstrecken wurden über die Jahrtausende langsam eben immer weiter. Jede Generation übernahm die Routen von der vorhergehenden - bis sie schließlich um die halbe Welt fliegen mussten, um die angestammten Gebiete zu erreichen.