Es ist Anneliese Haun ein ganz persönliches Anliegen, die Vorfälle um die Reichspogromnacht 1938 in Erinnerung zu behalten. "Der 9. November ist kein theoretischer Tag in Deutschland, auch in Kulmbach nicht", sagte sie am Dienstagabend am Holzmarkt.

Dorthin hatte sie zu einer Gedenkstunde geladen, und rund 30 Menschen waren der Einladung gefolgt. Auch in Kulmbach seien jüdische Mitbürger in der Nazizeit umgekommen. "Die Brauereidirektoren Heinrich Prager und Adolf Kriegel wurden als ‚Nichtarier' aus den Unternehmen entfernt und verfolgt", zitierte etwa Andrea Müller Textauszüge des Historikers Wolfgang Schoberth. "In Bezug auf die Läden der jüdischen Geschäftsinhaber Franz Weiß/Georg Goldzweig (Spitalgasse 2), Helene Wortsmann/Alfred Grünhut (Kressenstein 12) und Max Michaelis (Kressenstein 8) organisierte man Boykotte."

Den jüdischen Viehhändlern Erich und Siegmund Strauß sei aufgrund politisch motivierter Zeugenaussagen die Lizenz entzogen worden. "Und auch in der mit mehreren Akademiepreisen ausgezeichneten Bronzeskulptur ‚David' des Bildhauers Carl August Bachmann sahen die Hitler-Anhänger den siegreichen Juden und demolierten die Statue.

Infolge der Reichspogromnacht seien in Kulmbach am Abend des 10. November 1938 die fünf jüdischen Haushaltsvorstände in die Fronfeste gesperrt worden. "Dem Witwer Karl Strauß wurde ein Verhältnis mit seiner christlichen Vermieterin vorgeworfen", erzählte Georg Wilhelm. Begleitet von einem SA-Musikkorps und einer johlenden Menschenmenge sei die Frau am 13. November durch die Stadt getrieben worden. Nach der Anprangerung sei sie zusammengebrochen und sechs Wochen im Fronfestenturm in "Schutzhaft" genommen worden. Dies sind nur ein paar Beispiele für Ereignisse, die in Kulmbach stattfanden.

Im April 1938 lebten noch 16 Juden in Kulmbach, im Januar 1939 waren es 14, im Dezember 1939 zehn. "Wir stehen hier an einem Ort der Schande", sagte Pfarrer Jürgen Singer, "vor 83 Jahren geschah Schlimmes direkt vor unseren Haustüren hier in Kulmbach." Und Pfarrer Holger Fischer gedachte der 1300 Menschen, die vor 83 Jahren in der Reichspogromnacht den Tod fanden. "Man muss den Mund aufmachen gegen dumpfe Parolen", plädierte er, bevor Pfarrer Ulrich Winkler noch einen Segen sprach. In würdiger Stimmung wurden die Namen der in Kulmbach wohnenden jüdischen Personen verlesen, die in der NS-Zeit umkamen. Für jeden Namen wurde eine Kerze am Zinsfelderbrunnen entzündet.