Die 28-jährige Sabrina (Name von der Redaktion geändert) schneidet und klebt am laufenden Band. "Das sieht so viel schöner aus", meint sie und gestaltet das Motiv um. Nebenbei erzählt sie fröhlich von ihrem Arbeitstag. Dann reißt plötzlich das Papier ein ... und sie verstummt traurig, für viele Minuten. "Das macht nichts. Schau, wenn wir das auf diese Art schneiden und bemalen, dann werden es sogar zwei tolle Stücke", beruhigt Tessa Streng ihr Gegenüber. Auch sie selbst hat Spaß an der Sache.

Die 20-Jährige aus Kulmbach ist seit August letzten Jahres als Ehrenamtliche für die Offene Behindertenarbeit (Oba) tätig. Eine besondere Ausbildung ist nicht notwendig. Tessa Streng etwa hatte zunächst auch keine. Durch ihren vorherigen 450-Euro-Job und ihr heutiges Ehrenamt hat sie nun jedoch viel Erfahrung mit verschiedenen Situationen und Stimmungen von Menschen erlangt.

Manche Reaktionen oder Momente scheinen zunächst ungewohnt für Betreuer oder Ehrenamtliche. Durch ihre Krankheit oder Behinderung seien viele Frauen und Männer manchmal dickköpfig und schwierig zu verstehen. "Mit guten Gesprächen und Verständnis kommt man aber an sie heran. Wenn man ihnen in so einem Moment viel Positives aufzeigt, dann klappt es wieder", erzählt Tessa Streng. "Auf der anderen Seite stecken ihr Optimismus und ihre Sicht auf die Dinge mich manchmal auch an."

Sehr herzlich

Sie half bis zum Beginn des Lockdowns bei der Organisation von Veranstaltungen der Oba und in der Einzelbetreuung. Sie puzzelt und spielt mit Menschen verschiedenen Alters, geht mit ihnen einkaufen oder - bis vor wenigen Monaten - auch mal in die Therme. Eine pädagogische Vorbildung hatte sie bis dahin nicht - dafür ein sechswöchiges Praktikum in den "Lebenswerk"-Werkstätten für behinderte Menschen in Bayreuth und Kulmbach, das sie noch neugieriger auf dieses Arbeitsfeld gemacht hat. "Die Menschen sind alle eines: sehr herzlich. Man bekommt etwas zurück, und es macht Spaß, mit ihnen zusammen zu sein."

Kathrin Sauermann, die die ehrenamtlichen Kräfte der Oba koordiniert betont: "Es ist keine pädagogische Vorbildung notwendig, Offenheit und Herzlichkeit dagegen schon. Auch der Besitz eines Führerscheins wäre hilfreich, ist aber keine Voraussetzung."

Spaziergänge oder Kaffeeklatsch

Die Aktivitäten als Freizeitassistenz können variiert werden. Der Fokus liegt auf den Menschen mit Behinderung und deren Wünsche für die Freizeitgestaltung. So können Spaziergänge unternommen werden, Museums- und Kinobesuche, aber auch ein einfaches Kaffeetrinken bringt oft Freude.

Zum Schutz vor einer Infizierung finden derzeit keine Begegnungen statt. Trotzdem können sich Interessierte gerne bei der Offenen Behindertenarbeit melden. Sobald dies im Rahmen der Pandemiebedingungen möglich ist, kann ein erstes Treffen zum gegenseitigen Kennenlernen und Austausch vereinbart werden. Auch ein Engagement in der Gruppenbetreuung ist möglich. Zusammen mit anderen Mitarbeitenden der Oba trifft man Menschen mit Behinderung beim Bowling, beim Stammtisch, beim Spieleabend oder in der Kochgruppe. Auch Ausflüge zu weiter entfernten Zielen gehörten vor der Corona-Krise zum Programm. Derzeit finden solche Aktivitäten leider nur eingeschränkt statt.

"Mit Empathie, Einfühlungsvermögen und Geduld kommt man sehr weit und erlebt tolle Sachen", weiß Tessa Streng. Angst vor Fehlern dürfe man als Ehrenamtliche nicht haben: Kleine Fehler mache jeder - und Menschen mit Behinderungen schauten in der Regel darüber hinweg. Situationen, in denen sie sich hilflos oder überfordert gefühlt habe, habe sie noch nicht erlebt. Sollte es aber doch einmal zu einer Unsicherheit kommen, seien Fachkräfte jederzeit telefonisch erreichbar.

Wertvolle Erfahrungen

Die Begeisterung, die schönen Erinnerungen und die neuen Blickwinkel überwiegen. Die junge Frau studiert heute übrigens Förderlehramt in Bayreuth, um nach ihrem Abschluss in vollem Umfang für und mit Menschen mit Behinderung arbeiten zu können. Ihr Ehrenamt will sie dennoch so lange wie möglich fortsetzen. red