Zu Luther und der Reformation scheint in diesem Jahr schon genug gesagt zu sein. Doch ein Aspekt geht fast unter, findet das Männerforum Herzogenaurach: Luther hat nicht nur eine religiöse Reformation angestoßen. Er war auch Wirtschaftsethiker. Als solcher prangerte er an, dass Geld nicht an die Stelle von Gott treten darf, dass die Märkte blind sind für die Liebe zum Nächsten, dass christlicher Glaube nicht bei der Wirtschaft aufhört, sondern gerade erst anfängt.
Solchen Fragen ging der vergangene Männerforum-Abend nach. Zu Gast war Hans-Gerhard Koch, Sozialpfarrer i.R. und Verfasser mehrerer Bücher.
Koch sagte eingangs, Martin Luther sei ein Sozialethiker gewesen, vielleicht sogar ein Sozialrevolutionär. Zumindest sprach er eine sehr deutliche kritische Sprache. Zudem stellte Koche einen neuen Thesenanschlag vor: "Die Reformation radikalisieren" - dieser Aufruf ist verfasst von einer weltweiten Gruppe namhafter Theologen. Er enthält 94 Thesen - eine bewusst gewählte Zahl, da nicht mit Luther in Konkurrenz getreten werden soll. Hauptaugenmerk lag auf den Thesen fünf bis 23. Diese Thesen stehen unter dem Motto "Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon" (Mt 6,24).
Zum Beispiel ging es dabei um die "Herrschaft des Geldes" und den theologischen Widerstand dagegen. Luther war dies alles nicht fremd. Er durchschaute Luther das komplizierte Finanzgeflecht zwischen Papst, Fürsten und den großen Handelshäusern. Der Handel mit Ablassbriefen, also mit dem Erlass von Jahren im Fegefeuer, war gar nicht so verschieden vom Handel mit Immobilienzertifikaten.
In These 22 wird die Radikalisierung der Reformation deutlich: "Angesichts ihrer Wirkungen auf die einfachen Leute seiner Zeit sagte Luther ein klares "Nein" zu Struktur und Handlungsweisen der Bank- und Handelsgesellschaften."
In den Thesen 47-57 geht es um Frieden, Krieg und Gewalt: "Es gibt keinen Weg der Begründung oder der Legitimation von Gewalt. Gewalt ist immer illegitim. Es gibt keine rechtmäßige Gewalt, das heißt es gibt keine Gewalt, die durch Recht letztgültig begründet werden kann. Es gibt keinen gerechten Krieg und es gibt keinen gerechtfertigten Krieg. Luther, Zwingli und Calvin akzeptierten nur begrenzte Gewalt zur Minimierung größerer Gewalt. Aber selbst diese Logik ist angesichts moderner Massenvernichtungsmittel anachronistisch geworden."
Auf das Referat folgte eine angeregte Diskussion. Es wurde gefragt, wie Luthers Haltung im Bauernkrieg und zu den Juden zu erklären sei.
Koch erläuterte, dass Luther eine gespaltene Persönlichkeit gewesen sei: einerseits ein entschlossener Reformer, andererseits ein Mann des Mittelalters. Luther vertrat eine Zwei-Reiche-Lehre: hier die geistliche Herrschaft, dort die weltliche Obrigkeit. Er sprach von "Zwei Regimenten", in denen Gott auf
verschiedene Weise das gleiche Ziel verfolgt. Das uneingeschränkte Verurteilen des Aufbegehrens der Bauern erklärte er mit Luthers Angst vor Chaos. "Luthers üble Angriffe gegen die Juden in seinen späten Jahren ist einer der schwersten Makel in Luthers Leben."
Kritik an den zum Teil scharfen Thesen wurde kaum geäußert. Allgemein wurde der Ruf
nach einer Rückkehr zur Sozialen Marktwirtschaft laut. Gotthard Eichstädt