Es trägt eine heitere Note, wenn Dinge im Lichtenfelser Veranstaltungskalender stehen, durch Corona aber in den Weiten des Internets passieren. Also im Grunde auch völlig anderswo als in Lichtenfels . In diesem Anderswo trafen sich vor wenigen Tagen Geschichtsinteressierte zu einer Veranstaltung des Geschichtsvereins CHW. Das Thema: fränkische Soldaten im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg .

Wäre Corona nicht, hätte Marcus Mühlnikel wohl in der ehemaligen Synagoge, dem Lichtenfelser CHW-Veranstaltungsort, gestanden. Er wäre vom hiesigen CHW-Leiter Ulrich Sünkel begrüßt worden und dann? Dann wäre Barbara Edelmann vermutlich nicht dabei gewesen. Um 19.03 Uhr, kurz nachdem Bezirksheimatpfleger Günter Dippold von Bayreuth aus den Abend zu moderieren und Marcus Mühlnikel vorzustellen begann, meldete die Frau übers Internet aus Pittsburgh in den USA ihre Teilnahme. Auch das ist eine Folge von Corona.

210 Interessierte schalten sich zu

Zu dieser Zeit war Barbara Edelmann ein Teilnehmer von 188. 16 Minuten später waren 210 Geräte zugeschaltet und die Menschen, die dahinter saßen, wussten nun, dass Mühlnikel in Geschichte promovierte, Lehrkraft in Wuhan war und auch Literaturwissenschaft studierte. Ein Hochkaräter. Akademischer Oberrat am Institut für Fränkische Landesgeschichte der Universitäten Bamberg und Bayreuth. Doch auch das Publikum war interessant und was den Vortrag trotz aller Weiten des Internets irgendwie wohlig intim sein ließ, war der Blick in die Wohnzimmer der Teilnehmer, die per Kamera zugeschaltet waren. So war man irgendwie auch in den guten Stuben der anderen, mit Sicht auf interessierte Gesichter vor Bücherwänden.

Das Thema selbst hatte es in sich. Schon der Einstieg gelang Mühlnikel fesselnd und er nahm Rückgriff auf den 1999 von Tim Burton gedrehten Schauerstreifen "Sleepy Hollow". Dort reitet ein unheimlicher "Hesse" ( Christopher Walken ) das Schwert schwingend als Wiedergänger durch den Film. Dabei wird ihm nachgesagt, im Unabhängigkeitskrieg mit Vorliebe Köpfe abgeschlagen zu haben. Mühlnikel zeigte auf, dass und wo überall in der amerikanischen Erinnerungskultur bzgl. des Unabhängigkeitskriegs auch Deutsche ihre Spuren hinterließen. In Bilderbüchern beispielsweise. Allerdings dünnt sich das aus, wenn man die beiden Museen aufsucht, die sich in den USA speziell dem Thema Unabhängigkeitskrieg annehmen. Das verwundert laut Mühlnikel auch darum, weil an der kriegsentscheidenden Schlacht von Yorktown 1781 auf englischer wie auf amerikanischer bzw. französischer Seite allein 5000 deutsche Soldaten beteiligt waren. "Offensichtlich passen die deutschen Soldaten nicht ins Gesamtnarrativ von Revolution und Krieg , die in der Geburt der amerikanischen Nation münden."

Eine der aufschlussreichen Beobachtungen Mühlnikels war jene, die davon sprach, dass deutsche Soldaten oft allgemein als "Hessen" bezeichnet wurden, es also keine Differenzierung gab. Denn es gab tatsächlich erhebliche Truppenstärken aus Hessen. Allerdings waren auch Soldaten aus Ansbach-Bayreuth aktiv. Doch wie gerieten sie in diesen Konflikt? Tatsächlich gab es Soldatenhandel, und auch deutsche Fürsten "verliehen" Truppen in sogenannten Subsidienverträgen. Doch an dieser Stelle sollte Mühlnikel das Thema nicht nur als Historiker bewältigen, sondern auch als Literaturwissenschaftler angehen. Er zeigte auf, wie schon das Image des Soldatenhandels von Friedrich Schiller im Drama "Kabale und Liebe" besprochen wurde, verwies dabei aber auch auf einen fränkischen Dichter : Johann Christoph Krauseneck, 1738 in Zell geboren, war Kammersekretär in Bayreuth und schrieb das Stück "mit Sicherheit" bevor sein Markgraf Karl Alexander eben einen solchen Subsidienvertrag unterschrieb.

Aus unterschiedlichsten Richtungen näherte sich Mühlnikel einem ausgefallenen Thema, stöberte Tagebuchnotizen deutscher Soldaten auf, machte ihre Lebenswirklichkeit erfahrbar und auch ihr Staunen über dieses Land jenseits der Heimat, schilderte den Tagesablauf im Kampf oder ihre Erlebnisse bei der Überfahrt über den Atlantik. Geschichte aus erster Hand, niedergeschrieben vor 250 Jahren. Dabei gelang Mühlnikel auch ein kleiner literarischer Kunstgriff beim Erzählen. Er stieß bei seinen Recherchen auf den Feldmedikus Johann David Schoepf, der vom Bayreuther Markgrafen auch nach Amerika entsandt wurde und nicht so zeitig wie möglich heimkehren wollte. Er erbat sich längeren Aufenthalt in Amerika, auch zum Zwecke naturwissenschaftlicher Studien. Jahre nachdem er dann doch heimkehrte, fertigte er den Obduktionsbericht für die Frau des Markgrafen an, der ihn 1777 nach Nordamerika geschickt hatte. Momente wie dieser zeichneten den originellen Vortrag aus. Dann folgte das, was beim CHW immer folgt: das Gespräch, der Austausch, die Fragen an den Referenten. Noch lange nach dem Vortrag selbst sollten gegen 20:09 Uhr noch 178 Teilnehmer online sein.