„Die Kunst ist eine Vermittlerin des Unaussprechlichen.“ So schrieb einst Johann Wolfgang von Goethe . Und wenn man seinen Blick durch die Ausstellungshalle schweifen lässt, so kommt es einem auch so vor. Unaussprechlich, als Vermittlerin. Man sieht einen Mann , der mit einem Stechbeitel letzte Hand an eine seiner Figuren anlegt, ein Stück weiter Bilder, die so surrealistisch sind, dass sie schon fast wieder natürlich wirken, daneben Figuren aus Ton, Skulpturen aus Eisen und ein Extremtexter.

Zum Beispiel Karl-Heinz Kalbhenn aus Rodgau. Ein Thema des 70-Jährigen sind Städte. Aber nicht so, wie man es sich landläufig vorstellt. Bewaffnet mit seinem Fotoapparat erläuft er sich die Stadt, sucht sich die Motive und lichtet sie immer zur gleichen Uhrzeit mit dem gleichen Lichteinfall ab. „Da bin ich schon mal 15 Kilometer unterwegs“, lacht er, „und das über Tage, bis ich alle Motive so habe, wie ich sie möchte.“ Doch dann beginnt erst die eigentliche Arbeit am Computer . Alle Einzelbilder werden bearbeitet, passend zurechtgeschnitten, zusammengefügt und arrangiert, bis sie letztlich den Charakter der Stadt widerspiegeln. So entstehen einzigartige Kunstwerke, die man über lange Zeit betrachten und immer wieder neue Details in ihnen finden kann. Und jede Kleinigkeit ist dabei gestochen scharf. Weiter arbeitet er auch mit Linien und geografischen Formen, die er dabei in der gleichen Weise bearbeitet und die aus Alltagsgegenständen surreale Werke werden lassen.

Der Tradition verpflichtet

Ein Stück weiter begegnet man Hans-Joachim Seifudem. Als Erstes fällt einem seine aus einem einzigen Stück Holz gefertigte Skulptur „Nahtoderfahrung“ ins Auge. Ein Mann , der eine Treppe nach oben steigt und sich dabei Stück für Stück entkleidet, bis er nackt in einer Höhle verschwindet, in der eine Frau auf ihn wartet. 1944 geboren, lebt und arbeitet Seifudem seit 1945 in Bad Kohlgrub. Bei ihm erlebt man das Traditionelle, die Handwerkskunst. Ausgebildet von Meister Hohenleitner in Oberammergau hat er seitdem selbst Lehrlinge ausgebildet, aus denen inzwischen sieben Kammersieger, sieben Landessieger und vier Bundessieger hervorgegangen sind. Er arbeitet an einer weiteren Skulptur, in der man Poseidon und eine Nixe auf einem Pferd im wogenden Meer erkennt. Mit dem Stechbeitel arbeitet er weitere Feinheiten heraus. „Wenn man vorher in dem Stück Holz erkennt, was es werden soll, dann wird es am Ende auch so aussehen“, lacht er verschmitzt und pustet ein paar Sägespäne weg.

Etwas völlig anderes einige Schritte weiter. Große Bilder, auf denen zwischen Farben Sprüche zu erkennen sind, die zum Nachdenken anregen, aber auch polarisieren. Frank Hummel aus Grabenstetten hat seinen Stand dort. Extremtexter zwischen Apathie und Größenwahn, wie er sich selbst bezeichnet. „Momentaufnahmen meines Lebens, verpackt in Worte, vermischt mit Farbe“, definiert er seine Kunstrichtung. Die Menschen bleiben stehen, lesen die Texte. Der ein oder andere wiegt dabei den Kopf, andere lächeln. Doch er zieht die Aufmerksamkeit auf sich, polarisiert und provoziert. Unikate und Drucke auf Holz oder Taschen. „Am Anfang habe ich mich noch etwas versteckt“, erzählt Frank Hummel. „Zuerst in der Dritten Person, dann über Pseudonym. Es war eine Art Selbstfindung“. Wie kommt man auf diese Sprüche? „Sie fallen mir oft spontan ein. Gelegentlich bin ich schon fast wie in einer Art Trance und sehe erst am nächsten Morgen, was ich geschrieben habe.“

Genaues Betrachten gefragt

Fotografie zwischen Realem und Surrealem zeigt Frank Melech aus Suhl. Der ehemalige Offset- und Siebdrucker arbeitet seit rund zwei Jahrzehnten im Bereich der digitalen Fotografie , stellt aus Einzelbildern faszinierende Werke zusammen. Groß- und kleinformatige Bilder, die das Auge verwirren und zum genauen Betrachten einladen. Immer neue Details erschließen sich jedem, der sich die Zeit nimmt, immer weiter in die Tiefe zu gehen, und mit jedem Augenblick taucht man immer tiefer in unbekannte Bildwelten ein. Werke mit dem Titel „Zentralverschluss“, einem Mann mit einer Pestmaske aus dem Mittelalter mit einem Raben auf der Schulter, die einen unentwegt anzusehen scheinen, oder aber „Schwerelos“ – ein scheinbar schwebendes Gebirge über einem Gewässer , auf dunkle Wolken gebettet.

Künstler beantworten Fragen

Viele weitere faszinierende Künstlerinnen und Künstler stellen ihre Werke in einer zum Event passenden Halle aus. Hell, luftig und weiträumig bietet sie Platz zum Verweilen, zum Staunen, für Gespräche mit den Kunstschaffenden, die sich offen allen Fragen stellen. Über den Samstag verteilt ist es ein stetiger Strom von Besucherinnen und Besuchern, welche sich trotz des herrlichen Sonnentages die Zeit genommen haben, um zu sehen, zu staunen und auch zu kaufen.

„Es wäre schön, wenn wir mehr Beleuchtung hätten, um die Werke noch besser ausleuchten zu können“, so der allgemeine Tenor der Aussteller. „Aber die Halle ist toll.“ Die Besucher bemängeln, dass die Zufahrt schlecht ausgeschildert sei. „Es gibt überall Plakate, aber nirgends einen Wegweiser“, so ein Ehepaar aus Thüringen. Doch im Grunde genommen sind das nur Kleinigkeiten, die man beim nächsten Mal bestimmt besser machen kann.

Entstanden ist die Idee des Kunstmarktes der anderen Art erstmals 2016 in den kultigen alten Pakethallen am Coburger Güterbahnhof und hat sich Mal für Mal zum echten Kunstevent in Franken und Südthüringen emporgeschwungen. Die fünfte Auflage der Kunstverkaufsmesse „Umschlagplatz“ fand am Wochenende erstmals in der Porzellanfabrik von Goebel & Kaiser in Bad Staffelstein statt.