Wenn sein Gesprächspartner gedanklich nicht so abwesend gewesen wäre, hätte ein Supermarktmitarbeiter nicht einen anderen Gang aufgesucht und wäre dort nicht auf ein verdächtiges Verhalten gestoßen. All das sollte am Dienstag in ein Verfahren um räuberischen Diebstahl einmünden.

Auf der Anklagebank sitzt ein 47-jähriger Staffelsteiner mit Redebedürfnis: „Ich weiß nicht, warum ich alles wieder aufs Spiel gesetzt hab, (…) aber wenn Sie mir noch eine Chance geben wollen, ich würde auch 1000 Arbeitsstunden machen, aber ich will nie wieder ins Gefängnis.“ „Das habe ich schon verstanden, jetzt schauen wir mal, dass wir den Sachverhalt kriegen“, so Amtsgerichtsdirektor Matthias Huber. Den Sachverhalt hatte Staatsanwalt Johannes Tränkle dargestellt, und ihm wurde seitens des Angeklagten dazu auch nicht widersprochen.

Es ging um den 20. November 2020 und um einen Supermarkt in Bad Staffelstein. Es war gegen 15.30 Uhr, als der 47-Jährige mit sechs Päckchen Zigaretten samt Tabak auf dem Parkplatz des Ladens von dem Supermarktmitarbeiter angesprochen wurde. Was er da mit sich führte, hatte einen Wert von knapp 40 Euro, aber bezahlt war es nicht worden. Dafür verteidigt. „Lass los, sonst passiert was!“, bekam der Mitarbeiter von dem in Rage geratenen 47-Jährigen zu hören, als er diesen am Kragen fasste, um ihn zum Anhalten zu bewegen.

16 Mal mit dem Gesetz in Konflikt

An dieser Stelle im Verfahren angekommen, stellte man fest, dass ein Zeuge noch nicht erschienen war. „Dann können wir uns mit Ihrem persönlichen Lebensweg beschäftigen“, schlug Huber dem Angeklagten zur Überbrückung der Wartezeit vor. Jetzt sollte sich herausstellen, dass all die Beteuerungen und Absichtserklärungen zu 1000 Arbeitsstunden ihren Grund hatten. Tatsächlich sprach ein Register davon, dass der Angeklagte 16 Berührungen mit dem Gesetz hatte. Gravierende mitunter, so wie eine gefährliche Körperverletzung , gemeinschaftlich begangener Diebstahl , mehrere einfache Diebstähle , eine gemeinschaftlich begangene Körperverletzung und immer wieder auch Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz . Das aber habe seine Gründe, und Rechtsanwalt Manfred Glöckner forderte seinen Mandanten dazu auf, Hintergründe zu benennen.

„Ich hatte ADHS und damals gab es noch kein Ritalin“, so der Angeklagte , der zu sich selbst auch anderweitig Auskunft gab. Zwei Berufe hatte der Mann erlernt und derzeit erlebe er das Glück einer Festanstellung. Als er mit seinen Schilderungen geendet hatte, war auch ein Zeuge des Parkplatzvorfalls angekommen und betrat den Raum. Es handelte sich um einen Maurermeister, 40 Jahre alt, stämmig. Er war damals mit seiner Frau beim Einkauf, so auf Höhe „Obsttheke oder Dosenfleisch“, so genau wusste er es nicht mehr. Was er aber wusste, war, dass er bald von seiner Frau angesprochen wurde, weil ein Mitarbeiter Hilfe benötigte. „Wir haben ihn ins Büro nei“, so der 40-Jährige die Situation nach dem Vorfall auf dem Parkplatz schildernd.

„Im Büro wollte er in Richtung Fenster raus, da habe ich mich vor die Tür gestellt.“ Man habe dem 47-Jährigen gesagt, er „soll jetzt ruhig sein, es kommt die Polizei , da führt kein Weg daran vorbei“. An all das erinnerte sich der Zeuge gut, aber er ließ auch einen wichtigen Satz fallen: „Ich kann nicht genau sagen, ob er direkt gedroht hat.“

Der Hauptzeuge, der Supermarktmitarbeiter also, der ihn am Parkplatz einfing, berichtete aus seinen Erinnerungen zum Vorfall. Er stand in der Obstabteilung und sah dort, wie der Angeklagte , ihn bemerkend, auf dem Absatz umgedreht habe, was ihm schon reichlich verdächtig anmutete. Also ging er dem Manne nach, beobachtete ihn und kam ihm auf die Schliche. Allerdings bestätigte er genau den Vorwurf, den Tränkle dem Angeklagte machte, indem er von Androhungen sprach. „Er hat mit der Faust gedroht und gesagt, ich soll ihn gehen lassen, sonst passiert mir was, oder so ähnlich.“ Ihm gegenüber, so der Zeuge , habe der Verdächtige angegeben, die Ware bezahlt zu haben. Das aber sei „definitiv“ nicht geschehen und es sei auch „nichts über das (Kassen-)System gegangen“.

Entschuldigungsbrief geschrieben

Für Irritation sollte dann in dem Verfahren noch ein Brief sorgen, den der Supermarktmitarbeiter vom Angeklagten erhalten hatte. Darin standen Entschuldigungen, aber dennoch fühlte sich der Adressat brüskiert. Rechtsanwalt Glöckner klärte ihn darüber auf, dass der Brief seine Idee gewesen sei. Staatsanwalt Tränkle räumte ein, dass es bei dem Vorfall keine Verletzten gegeben hatte und der Schaden „überschaubar“ geblieben sei. Aber wegen all der Vorstrafen , vor allem aber auch darum, weil der 47-Jährige die Tat unter laufender Bewährung begangen hatte, sprach sich Tränkle für ein Jahr Haft aus, tendenziell ohne Bewährung. „Sollte man das bei Gericht anders sehen, bin ich dafür, dass ein straffes Korsett zu spannen wäre.“ Dieses Korsett sollte das Schöffengericht dem Täter spannen. Wegen räuberischem Diebstahl erhielt er ein Jahr Haft auf Bewährung, verbunden mit der Auflage, 200 gemeinnützige Arbeitsstunden abzuleisten, fünf Jahre einem Bewährungshelfer unterstellt zu bleiben, eine Drogentherapie zu beginnen und abzuschließen, sechs Urinproben pro Jahr auf eigene Kosten nach Drogenspuren auswerten zu lassen und das über drei Jahre hinweg.