Hatte der Mann wirklich vor, gegen seine Nachbarin nicht nur auszuholen, sondern mit der Schaufel auch zuzuschlagen? Staatsanwältin Jana Müller zeigte sich überzeugt davon und mochte den 49-jährigen Staffelsteiner für mehrere Monate hinter Gittern sehen. In dem Verfahren sollten Betreuungsfragen, Schuldfähigkeit und auch ein dauerhaft schwelender Nachbarschaftskonflikt zur Sprache kommen.

Die Logik des Angeklagten

Dann und wann schüttelte der Angeklagte den Kopf, wenn Müller verlas, was ihm zur Last gelegt wurde. Am 11. Juli vorvergangenen Jahres habe er vorgehabt, gegen 21.30 Uhr mittels eines gefährlichen Werkzeuges seiner Nachbarin einen Schlag zu versetzen. Dass dem nicht so gewesen sei, beteuerte der zeitweise sehr undeutlich sprechende Mann . Überdies gab er an, dass in der Anklage auch die Uhrzeit schon nicht stimme. Das, worauf sich Jana Müller bezog, sei einerseits schon gegen "halb vier" passiert und andererseits nicht in der angeklagte Absicht. "Ich habe die Straße gekehrt und sie wollte mir die Schaufel aus der Hand rausreißen", so der vor der Frührente stehende Mann . Er habe die Schaufel nach oben gehalten, und so sei diese von der Frau auch angefasst worden. Vermutlich, so die Logik des Angeklagten , habe das ein Bild abgegeben, wonach er habe zuschlagen wollen. "Sie kam einfach runtergerannt und hat gesagt, ich gehör eigsperrt."

Schon jetzt war klar, dass hier ein Zwist vorliegen dürfte, der schon länger schwelt. Dass dem so ist, bezeugte die 47-jährige Nachbarin. Auch schloss sie kategorisch aus, dass sich der Vorfall nicht um 21.30 Uhr abgespielt habe. Sie wisse das deshalb so genau, weil an diesem Tag ein naher Verwandter ins Krankenhaus kam und sie von seiner Visite heimkehrte. "Ich habe ihn schon recht laut schreien hören. Ich habe geschrien, er soll ruhig sein und er hat geschrien, ich soll die Fresse halten." Diese Forderung habe er noch damit unterstrichen, dass er die Schaufel erst auf den Boden aufschlagen ließ, um dann mit den Worten "Ich hau' dir die Schaufel auf den Kopf" auszuholen.

Einer der "schlimmen Tage"

Was genau den 49-Jährigen so furios sein ließ, scheint auch der Nachbarin ein Rätsel zu sein. "Er hat gesagt, wir sollen das Haus bezahlen - warum auch auch immer. Und er erschießt uns." Auch der Ehemann des Opfers konnte bestätigen, dass es sich mal wieder um "einen dieser schlimmen Tage" handelte, bei denen der Angeklagte "die ganze Nacht lang rumschreit".

Nächtelanges Schreien

An Versuchen, mit ihm ins Gespräch zu kommen, so der Ehemann , habe es nicht gemangelt. Doch immer wieder sei es auf nicht nachvollziehbare Beschuldigungen rausgelaufen. "Dieses nächtelange Schreien ohne einen Grund treibt uns zum Wahnsinn." Im Grunde fiel somit auch schon ein Stichwort, denn tatsächlich sollte Richterin Caroline Titze nach der nächsten Zeugenvernehmung der Frage nachgehen, ob der Angeklagte überhaupt schuldfähig war.

Laut einem psychiatrischen Gutachten spräche viel dafür. Doch dann sollte der Umstand erstaunen, wonach die angeklagte Tat unter offener Bewährung stattfand. Schon zweimal geriet der Staffelsteiner mit dem Gesetz in Konflikt, u. a. wegen unerlaubten Besitzes einer Schusswaffe sowie Munition. Eben das sollte Jana Müller den Glauben daran nehmen, dass es mit einer neuerlichen Bewährungsstrafe sein Bewenden haben sollte. Sie hielt fest, dass das aussagende Ehepaar "frei von Belastungseifer" war, dass sich der Angeklagte nach ihrem Dafürhalten nicht sonderlich einsichtig gezeigt habe und von einer günstigen Sozialprognose auch keine Rede sein könne. Immerhin sei der Angeklagte gerade arbeitslos, habe unter offener Bewährung gehandelt und sich auch nicht entschuldigt. Den Sachverhalt an sich sah Müller über die Glaubwürdigkeit der Zeugen bestätigt. Sieben Monate Haft ohne Bewährung forderte sie für versuchte gefährliche Körperverletzung .

Dass eine Schuldfähigkeit vorläge, räumte auch Rechtsanwältin Anett Raumschüssel ein. Doch sie argumentierte, dass ihr Mandant nicht voll durchgezogen hätte und dass so eine Mutmaßung auch seitens der 47-jährigen Zeugin gefallen sei. Auf jeden Fall sei Bewährung zu empfehlen, wenngleich sie die Höhe einer Haftstrafe "ins Ermessen des Gerichts" gestellt sah. Das Ermessen des Gerichts lag bei fünf Monaten. Zudem verhängte Richterin Titze, dass die Bewährungszeit drei Jahre betragen soll, und durch den Verurteilten eine Ableistung von 40 Arbeitsstunden vorzunehmen sei.