Wohin bewegt sich unsere Gesellschaft? Verbale Grenzüberschreitungen und handgreifliche Auseinandersetzungen scheinen sich auszubreiten. Frustration und Desorientierung wie auch fehlende Vorbilder im Elternhaus, Freundeskreis oder am Arbeitsplatz sind dabei ein idealer Nährboden. Auch in Kliniken treffen ganz unterschiedliche Menschen aufeinander in einem ganz speziellen Kontext: Kranke und schwerkranke Menschen, in einer behandlungsbedürftigen Notlage und nicht selten mit psychischen Beeinträchtigungen , treffen auf Klinikmitarbeiter, die sich einbringen, um Patienten und auch deren Angehörigen zu helfen.

Am Bezirksklinikum Obermain in Kutzenberg stellt man sich laut einer Pressemitteilung seit vielen Jahren systematisch der Frage nach Deeskalationsmöglichkeiten. Das Fachkrankenhaus mit 278 Betten stellt die medizinische Versorgung von Patienten mit psychiatrischen und psychosomatischen Erkrankungen sowie Rheuma- und Lungenerkrankungen sicher. Um die Entstehung von potenziellen Konfliktsituationen zwischen Patienten und Mitarbeitern professionell bereits im Anfangsstadium zu erkennen und deeskalierende Schritte einzuleiten, geht man seit vielen Jahren einen besonderen Weg.

Gegen verbale und körperliche Angriffe

Ein systematisches Deeskalationsmanagement hilft, verbale Aggressionen wie auch handfeste Tätlichkeiten professionell zu verhindern oder rasch einzudämmen. Gerade auch für Stationspersonal, das sich um Patienten mit schweren psychischen Erkrankungen kümmert, ist dieser „Werkzeugkasten“, der in speziellen Trainings erlernt wird, unverzichtbar.

David Müllich und Christian Kämpf gehören zum Team der ausgebildeten Deeskalationstrainer am Bezirksklinikum Obermain . „Mit Worten regulierend einzuwirken, das gehört in der Pflege zum Berufsalltag. Und gerade das hat auch in unserem Konzept einen herausragenden Stellenwert“, bekräftigen beide. „Zusätzlich unterstützen wir unsere Kollegen auch beim Erlernen von Verhaltensweisen und Techniken, um sich im Extremfall einem körperlichen Übergriff zu entziehen.“ Dabei geht es nicht nur um die Abwehr einer Gefahrenlage, sondern auch das richtige Fluchtverhalten. Die Mitarbeitenden des Pflegedienstes lernen darüber hinaus, aggressive Patienten im Team körperlich zu halten und verbal zu beruhigen, so dass sich weitere Zwangsmaßnahmen wie Fixierungen deutlich reduzieren.

Auch nachträglich unterstützen

Sehr wichtig ist beiden Trainern auch die Hilfestellung für Mitarbeiter, die nach einem Zwischenfall Unterstützung bei der Verarbeitung des Geschehenen benötigen. Die Kursteilnehmer lernen, auf welche Symptome sie bei ihren Kollegen zu achten haben, die einer starken psychischen Belastung ausgesetzt waren. Müllich und Kämpf bieten ihren Kollegen mehrmals im Jahr Grundkurse und Auffrischungsseminare an.

„Wir finden es prima, dass unser Arbeitgeber Kenntnisse im Bereich Deeskalation regelmäßig vertiefen lässt. So können wir im Ernstfall schnell und professionell reagieren und vor allem empathisch Prävention betreiben, wenn wir uns immer wieder auch in die Situation des Patienten versetzen“, sagen Elfriede Dirauf und Linda Schmitt. Beide arbeiten im Pflegedienst und besuchten einen Auffrischungskurs. Das Deeskalationstraining gibt ihnen Handlungssicherheit. Nicht nur im Beruf.

Auch im Alltagsumgang mit kritischen Situationen mache sie das Training sicherer, finden die Frauen. Entscheidend sei es, dem Grund für die unangemessene Äußerung oder das Fehlverhalten eines Menschen auf die Spur zu kommen. Denn darin liege bereits ein Teil der Problemlösung.

„Professionelles Deeskalieren gehört zu den Grundtugenden einer guten Pflegekraft “, ergänzt Steffen Wehrle, Pflegedienstleiter des Bezirksklinikums. „Unsere Pflegekräfte nutzen sehr gern unsere regelmäßigen Deeskalationstrainings. Es hilft allen Beteiligten ungemein, wenn mit geschultem Blick Konflikte bereits im Frühstadium erkannt und Zuspitzungen verhindert werden können.“

Bundesweit einmalige TBC-Einheit

Gerade auch deshalb sieht sich Wehrle für die Inbetriebnahme einer bundesweit einmaligen, beschützenden TBC-Einheit für krankheitsuneinsichtige Patienten gut gerüstet. Für diese Station braucht das Klinikum Pflegemitarbeiter mit hoher sozialer Kompetenz. Anfang 2022 soll es dort losgehen. Mit einem detaillierten Sicherheitskonzept und einem zusätzlichen Sicherheitsdienst direkt auf Station.

Offen für externe Teilnehmer

Das Kutzenberger Deeskalationsprogramm steht nicht nur dem Pflegepersonal , sondern allen Beschäftigtengruppen offen, die direkten Patientenkontakt haben. Mitarbeiterinnen des hauseigenen Reinigungsdienstes haben die Schulung inzwischen ebenfalls absolviert. Und auch Polizeibeamte aus der Region nahmen als externe Gäste bereits an dieser Fortbildung teil.

Am Bezirksklinikum Obermain halten sich Übergriffe in Form von Beschimpfungen oder gar Tätlichkeiten noch in sehr überschaubaren Grenzen. Sie bewegen sich auf einem erfreulich niedrigen Niveau laut Dietmar Hagel von der Pressestelle der Gesundheitseinrichtungen des Bezirks Oberfranken. „Einem Niveau, von dem Kliniken in großen Ballungsräumen nur träumen können“, so Hagel weiter. Das in Kutzenberg etablierte Deeskalationsmanagement soll das auch in Zukunft sicherstellen.