Rund vier Millionen Deutsche, so schätzt die Bundes­zentrale für gesundheitliche Aufklärung, konsumieren gelegentlich Haschisch oder Marihuana , sprich: Sie kiffen – und sie feiern am 20. April den Welt-Cannabis-Tag. Man muss kein Hellseher sein, um zu wissen, dass aus diesem Anlass erneut die Legalisierung von Cannabis gefordert werden wird, schließlich wird diese Debatte bereits seit Jahrzehnten geführt. Und in vielen Ländern ist die Legalisierung bereits vollzogen. Für das Bezirks­klinikum Obermain ist der Tag eher ein Anlass, das „Phänomen Kiffen“ ein wenig genauer unter die Lupe zu nehmen. Antworten auf Fragen rund um die Thematik gibt Dr. Nedal Al-Khatib, Chef­arzt der Klinik für Psychiatrie , Psychotherapie und Psychosomatik am Bezirks­klinikum. Die Gesundheits­einrichtungen des Bezirks Ober­franken (GeBO) sind unter anderem auf die Behandlung von Menschen spezialisiert, die an Sucht- und Abhängigkeitserkrankungen leiden. Dr. Nedal Al-Khatib ist nicht nur Fach­arzt für Psychiatrie , Psychotherapie und Neurologie , sondern verfügt ebenso über die Zusatz­bezeichnung „Suchtmedizinische Grund­versorgung“.

Frage: Was ist Cannabis ?

Dr. Nedal Al-Khatib: Cannabis ist sowohl die Bezeichnung für die männlichen und weiblichen Hanf­pflanzen als auch für die Inhalts­stoffe mit psychoaktiver Wirkung. Die Fasern der Hanf­pflanze werden seit Jahrhunderten zur Herstellung von Seilen und Stoffen verwendet. Haschisch besteht größtenteils aus dem Harz der weiblichen Blütenstände. Für den Verkauf wird es zu Platten oder Klumpen gepresst. Um mehr Gewinn zu erzielen, wird es häufig mit anderen Pflanzen gestreckt oder mit Blei versetzt, um schwerer zu sein. Geraucht wird Haschisch gemischt mit Tabak in einer konisch geformten, selbst gedrehten Zigarette, Joint oder Tüte genannt.

Wie wirkt es?

Der Cannabis-Haupt­wirkstoff ist Tetrahydrocannabinol (THC) und bindet sich nach dem Konsum an spezielle Rezeptoren im Gehirn. Cannabinoide haben allgemein eine entspannende und stimmungsaufhellende Wirkung. Bei manchen verstärken sich Sinnes­wahrnehmungen wie Sehen und Hören. Einige reden nach dem Konsum ohne Punkt und Komma oder bekommen einen sogenannten Lach- oder Fressflash. Es gibt aber auch negative Effekte wie niedergedrückte Stimmung, Verfolgungswahn, Unruhe, Angst, Verwirrtheit bis hin zu Panik­reaktionen, Herz­rasen, Übelkeit und Kreislaufkollaps. Eine Fall-Kontroll-Studie aus elf Regionen in England, Frankreich, den Niederlanden, Italien, Spanien und Brasilien legt den Verdacht nahe, dass der intensive Konsum (hoher THC-Gehalt, täglicher Konsum) vor allem bei jungen Menschen unter 20 Jahren etwa zwei- bis drei­mal so häufig eine Psychose auslöst wie ohne Cannabis-Konsum.

Macht Kiffen dumm?

Wer bekifft ist, zeigt weniger Aufmerksamkeit, außerdem leiden das Kurzzeitgedächtnis und das Lernvermögen. Auch das logische Denken und die allgemeine Leistungsfähigkeit des Gehirns lassen nach – zumindest für rund vier Stunden nach dem Konsum. Kiffen in sehr jungen Jahren soll die Reifung des Gehirns stören können. Unklar ist, ob Cannabis , wie es oft behauptet wird, Antriebs- und Motivationslosigkeit fördert. Wer regelmäßig konsumiert, wirkt oft passiv und teilnahmslos, was aber ohnehin häufig ein Verhalten von Pubertierenden ist. Anders als beim Alkohol bleibt Cannabis sehr lange im Körper nachweis­bar. Im Blut können THC oder seine Abbau­produkte bis zu drei Tage lang nachgewiesen werden, im Urin mehrere Wochen, in den Haaren sogar mehrere Monate. In Bayern wird eine konsequente Straf­verfolgung praktiziert – mit teil­weise gravierenden Konsequenzen wie Führerscheinentzug oder hohen Geld­strafen.

Was sind die Anzeichen für eine Cannabis-Sucht?

Bei Cannabis verhält es sich genauso wie bei allen anderen Drogen . Wer süchtig ist, braucht immer mehr von dem Stoff, um die gleiche Wirkung zu erzielen, und schafft es nicht, mit sich selbst oder anderen verein­barte Konsum­pausen einzuhalten. Es gibt einige Risiko­faktoren, die das Entstehen einer Sucht begünstigen. Dazu gehören Freunde, die ebenfalls Drogen konsumieren, ein besonders früher Beginn des Konsums, psychische Probleme , allgemeine Perspektivlosigkeit oder Einsamkeit.

Ist Cannabis eine Einstiegs­droge?

Früher war man dieser Ansicht, heute jedoch sieht man diese These etwas differenzierter. Umstritten ist inzwischen, ob der Konsum von Cannabis wirklich die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass der oder die Betreffende später auch zu „harten“ Drogen greift. Tatsächlich hat fast jeder, der Heroin (Handels­name für Diacetylmorphin) oder Crack probiert, zunächst neben Alkohol und Tabak auch Cannabis konsumiert. Doch daraus lässt sich nicht ableiten, dass der Konsum von Cannabis immer die Türen für den Gebrauch harter Drogen öffnet. Statistiken zeigen, dass dies nicht auf die Mehrheit der Cannabis-Konsumenten zutrifft.

Was sollen Eltern tun, wenn sie merken, dass ihr Kind kifft?

Es ist eine schwierige Zeit für Eltern, wenn sich der Verdacht erhärtet, dass das eigene Kind Drogen nimmt. Misstrauen kommt auf und auch Schuldgefühle („Was haben wir falsch gemacht?“). Das Wichtigste zu diesem Zeit­punkt ist, den Verdacht mit dem Kind zu thematisieren, gleichzeitig aber auch Vertrauens-Brücken aufzubauen („Wir leben nicht auf dem Mond. Wir wissen sehr wohl, welche Faszination illegale Drogen auf junge Menschen ausüben. Wir werden dich nicht bestrafen, wenn du die Wahrheit sagst.“). Verzichten Sie in diesem Gespräch und auch danach auf Vorwürfe. Wer auf Konfrontation mit seinem Nachwuchs geht, sorgt nur dafür, dass er oder sie sich immer weiter zurückzieht. Stellen Sie stattdessen die Sorge um das Kind in den Vordergrund und führen Sie ihm die strafrechtlichen und gesundheitlichen Konsequenzen klar vor Augen, wie zum Beispiel eine Vorstrafe und einen Eintrag ins Führungszeugnis oder den Führerscheinentzug. Statt den Konsum zu verbieten, was nach meiner Erfahrung nichts nützt, stellen Sie lieber ganz konkrete Regeln auf: Zu Hause werden weder Drogen deponiert noch konsumiert. Verweisen Sie darauf, dass Sie bei einer polizeilichen Durchsuchung auf keinen Fall involviert werden wollen. Stellen Sie zum Beispiel klar, dass das elterliche Auto nur weiter genutzt werden darf, wenn das Kind vor oder während der Fahrt verlässlich keine Drogen konsumiert.

Wann wird Cannabis als Medizin eingesetzt?

Unbestritten ist, dass Cannabis auch einen umfang­reichen medizinischen Nutzen hat, vor allem bei chronischen Schmerz­patienten oder in der Palliativmedizin. Seit dem März 2017 regelt das Gesetz „ Cannabis als Medizin“, wann die Krankenkasse die Kosten für Cannabis-haltige Arzneimittel übernimmt. Das Spektrum der Krankheiten, die als Indikation für eine Verschreibung dienen können, ist weit gefächert: Multiple Sklerose, Depression, Spastiken, Lähmungserscheinungen, Erkrankungen des Nerven­systems, Migräne, Epilepsie, HIV und Aids oder Übelkeit und Erbrechen bei Chemotherapien gegen Krebs. Als hilf­reich gilt Cannabis auch bei ADHS oder Tourette-Syndrom. red