Kai ist gerade ein bisschen melancholisch. So hatte ich ihn gar nicht in Erinnerung . So soft. So weich. So nah am Wasser gebaut. Für mich war er immer der harte Hund, der Kreisläufer aus dem Handballunterricht meiner Jugend .

Er warf sich in den Torraum, knallte auch mal gegen die Pfosten und wenn er Schmerzen hatte, bandagierte er sie eben weg. Ohne Tränen und ohne Wimpernzucken.

Aber jetzt war er anders geworden, soft eben und weinerlich. „Machst du’s noch lange?“, erkundigte ich mich daher vorsichtig und diskret zu seinem allgemeinen Zustand, und er konnte mich beruhigen und winkte darum lächelnd ab. Ja, wenn ich es richtig verstanden habe, dann macht er es wohl noch ein Weilchen, zumindest ist ihm nichts Gegenteiliges bekannt.

Es sei nur eben so, dass er in letzter Zeit einfach etwas zugänglicher für die eigenen Tränen wäre. So standen wir da, zwei einstige Schuljungs auf dem Supermarktparkplatz und mit je einem Wagen vor dem Bauch und einer Maske vor dem Gesicht. Es war Mitte Mai und irgendwie kamen wir auf die Sternsinger zu sprechen und darauf, dass uns diese schöne alte Tradition so langsam flöten geht.

Dann hatten wir beide plötzlich Tränchen in den Augen und nahmen uns vor, den nächsten uns unter die Augen kommenden Sternsingern aufmerksam beim Singen zuzuhören und mit Gaben und Spenden nur so zu überhäufen, und wenn es noch bis Januar dauern sollte.

Wie gesagt, ich kenne Kai noch von früher und er war immer ein sehr zupackender Typ, cool, ein bisschen unnahbar und alles andere als ein Softie. Offenbar hat die Zeit Spuren bei ihm hinterlassen. Aber die erschreckendste Erkenntnis zu diesem Vorfall auf dem Supermarktparkplatz war, dass wir das mit den Sternsingern und den feuchten Augen zu allem Überfluss auch noch bei vollkommener Nüchternheit hingekriegt haben. Älterwerden , so heißt es ja immer, sei nichts für Weicheier. Ich bin mir da nicht mehr so sicher.