Frühling im Jahr 1871: Endlich schweigen die Waffen. Nach zehn Monaten ist der Deutsch-Französische Krieg vorbei. Hunderttausende sind auf beiden Seiten gefallen, nun ist der ersehnte Frieden da. Überall in Deutschland werden Denkmäler gesetzt. Nicht alle sind aus Stein. Auch in Kleukheim gibt es eines dieser Mahnmale für den Frieden. Vielen ist es nur nicht bewusst.

„Die Tausendjährige Linde am Staffelsteiner Friedhof, die Küpser Linde, die Linden um die Veitskapelle auf dem Ansberg: Jedermann kennt diese geschichtsträchtigen und imposanten Bäume beziehungsweise deren Überreste und Nachfolger“, sagt der gebürtige Kleukheimer Heimatforscher Anton Zenk. „Eine lange Kulturgeschichte , die weit über das Mittelalter hinausreicht, macht diese Baumart auch heute noch zu etwas Besonderem.“

Die Linde galt als Sitz einer Liebesgöttin

In grauer Vorzeit soll die Linde als heiliger Baum gegolten haben, sogar Sitz einer Liebesgöttin gewesen sein. „Überliefert ist die Funktion als Versammlungsstätte, wo nicht nur Gericht gesessen, sondern auch Dorfversammlungen und Tanzveranstaltungen abgehalten wurden.“

In Prächting markierte dort, wo heute die Alte Schule steht, eine Tanzlinde das Ortszentrum, und heute trifft sich Groß und Klein gern beim Fest an der Küpser Linde, dem idyllisch gelegenen Wanderziel.

Zurück nach Kleukheim . „In Kleukheim findet man eine alte Sommerlinde an der Ortsausfahrt Richtung Scheßlitz, linker Hand. Bei ihr handelt es sich um eine sogenannte Friedenslinde, die zur Erinnerung an das Ende des Deutsch-Französischen Krieges 1871 gepflanzt wurde.“ Ein genaues Datum der Pflanzung lasse sich heute nicht mehr ermitteln, sagt Zenk. „Der Frieden wurde offiziell am 19. März 1871 in Paris besiegelt und verpflichtete Frankreich zur Abtretung von Elsass-Lothringen und zu umfangreichen Reparationszahlungen .“

So eifrig Zenk in den Archiven auch suchte, eine Frage konnte bislang nicht geklärt werden: Auf wessen Initiative hin in Kleukheim der Baum gepflanzt wurde, ist nicht genau überliefert. Da mögen die glücklich heimgekehrten Soldaten und deren erleichterte Familien eine Rolle gespielt haben, vermutet er. „Der Segen des damaligen Kleukheimer Pfarrers Peter Metzner mag dem Projekt gewiss gewesen sein, ist er doch auch als leidenschaftlicher Gärtner in Erinnerung geblieben.“ Metzner wirkte seit 1854 im Dorf und verbrachte auch nach seiner Resignation, seinem freiwilligen Amtsverzicht, am 1. Oktober 1871 weiterhin hier seinen Ruhestand.

Pflegte der frühere Pfarrer die Linde?

„Lehrer Georg Lang wird mit einer Abordnung der Schulkinder bei der Pflanzung ebenso vor Ort gewesen sein wie der damalige Bürgermeister Georg Schmitt aus der alten Hausnummer 43“, sagt Zenk. Der Kriegerverein von Kleukheim spielte damals allerdings noch keine Rolle, wurde er doch erst von Veteranen dieses Krieges 1895 offiziell gegründet.

Bezeichnenderweise pflanzte man nach dem Ersten und Zweiten Weltkrieg keine Friedenslinden. „Die Niederlage im Ersten Weltkrieg wurde als Schande und Demütigung empfunden, die zahllosen Gefallenen wurden stattdessen auf steinernen Denkmälern verewigt.“

Den Zweiten Weltkrieg und die Verbrechen des nationalsozialistischen Regimes wollte man möglichst schnell hinter sich lassen und verdrängen. „Auch in diesem Fall hätte man es als unpassend empfunden, einen Baum zu pflanzen.“ Speziell die Linde hingegen werde mit nur positiven Eigenschaften in Verbindung gebracht, deswegen gebe es die zahlreichen erhaltenen Exemplare von „Friedenslinden“, die allesamt auf das ,siegreiche‘ Jahr 1871 zurückgingen.

Ungewisse Zukunft

150 Jahre nach seiner Pflanzung geht der Kleukheimer Baum leider einer ungewissen Zukunft entgegen. „Der wenig markante Standort am Ortsausgang eignet sich nicht als Treffpunkt, so dass er in der Bevölkerung wenig bekannt ist.“ Sein Status als eingetragenes Naturdenkmal mag ihn vor Vandalismus schützen, jedoch ist die Linde stark von einem Baumpilz befallen. „Selbst umfangreiche Sanierungsmaßnahmen in den vergangenen Jahren konnten den zunehmenden Verfall leider nicht aufhalten“, bedauert Zenk.