Am heutigen Mittwoch findet von 16 bis 18 Uhr die große Corona-Telefonaktion mit drei Chefärzten und zwei Leitenden Ärzten statt (siehe FT vom 9. Januar). Der eigene Job, möglicherweise im Homeoffice, Kinderbetreuerin, Animateurin, Haushalt - und jetzt auch noch Lehrerin, wenn Kinder im Homeschooling am Küchentisch sitzen. Die Last, die Corona den Familien , den Frauen, aufdrückt, stieg und steigt nach wie vor. Dr. Stephanie Tieden, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie und Oberärztin auf der Depressionsstation, erklärt, was Corona mit den Müttern macht.

Wie geht es den Müttern gerade? Stephanie Tieden: Viele Mütter sind aktuell am Ende ihrer Kräfte angelangt, die langen Monate mit der Corona-Pandemie wirken sich jetzt doch bei der Allgemeinheit der Familien entsprechend negativ aus. Die gesamte Bevölkerung musste sich jetzt ja schon sehr lange mit vielen Einschränkungen des Lebens, vielen Veränderungen und Belastungen und auch mit vielen Ängsten und Sorgen befassen. Das ist ja an vielen von uns nicht spurlos vorbeigegangen, fast jeder leidet in irgendeiner Form unter der aktuellen Situation. Insbesondere Familien mit Kindern sind natürlich ganz besonders auch von den vielen Einschränkungen in den Betreuungsmöglichkeiten der Kinder zusätzlich belastet. Wenn ich nicht nur für mein eigenes Wohlergehen verantwortlich bin, sondern auch für das eines oder mehrerer kleiner Menschen, dann bürdet mir das natürlich auch mehr Verantwortung auf. Es geht ja nicht nur darum, die Kinder "irgendwie zu betreuen" oder gar "abzuschieben", wie man es leider manchmal hört, sondern den allermeisten Müttern ist es ja primär vor allem wichtig, dass es ihren Kindern gutgeht. Und auch das ist in Zeiten von Corona ja nicht mehr so einfach, wenn auch vieles, was für Kinder wichtig und gut ist, nicht mehr verfügbar ist.

Dieses Nicht-mehr-verfügbar- Sein reicht ja auch in die Freizeit ...

Ja, auch die Ausgleichsmöglichkeiten in der Freizeit sind sehr beschränkt, man kann als Familie am Wochenende nicht mehr in das Wildtiergehege, ins Schwimmbad oder Kinderkino gehen. Die Spielplätze waren im ersten Lockdown ganz zu, jetzt ist man beschäftigt, darauf zu achten, dass die Kinder genügend Abstand zu anderen Kindern halten und muss den Kindern erklären, warum sie auf einmal eben nicht mehr wie früher einfach mit allen anderen Kindern unbeschwert spielen dürfen. Auch die Kinder leiden stark unter Corona, unter den eingeschränkten Kontakten zu anderen Kindern und zu älteren Familienangehörigen . Auch hier müssen die Eltern ja viel emotional abpuffern, immer wieder erklären, trösten und aushalten, dass die Kinder leiden. Das ist für Eltern psychisch auch nicht einfach, da man ja will, dass es den Kindern gutgeht. Wenn dann auch noch die Ansprüche von Homeschooling, Betreuung und Homeoffice parallel und weiterhin die Ansprüche der normalen Alltagsabläufe hinzukommen, ist man schnell einfach komplett am Ende seiner Kräfte.

Wäsche, Haushalt, Kochen, Einkauf - das ist ja alles nicht weniger geworden, sondern weiterhin auch da. Warum sind es überwiegend Mütter , die die Last der Pandemie tragen?

Das ist nicht unbedingt in allen Familien so, aber ja, häufig sind es die Mütter , die besonders belastet sind, was sicher unterschiedliche Gründe hat. Auch in Familien , wo beide Elternteile arbeiten, sind es häufig die Frauen, die die Organisationsleistung übernehmen und die Abläufe im Familienleben koordinieren. Gerade hier in Süddeutschland sind die klassischen Rollenbilder mit dem Vater als Vollzeitverdiener und der Mutter als Hausfrau oder maximal in Teilzeit arbeitend noch mehrheitlich zu finden. Es war schon vor Corona für viele Frauen gar nicht so einfach, Beruf und Familie miteinander zu vereinbaren. Durch die Corona-Pandemie war es dann bei vielen Familien auch naheliegender, dass die Frauen, die doch "eh schon mehr zu Hause sind", dann auch überwiegend die zusätzliche Betreuung der Kinder übernehmen, hier haben sich die bestehenden Rollenbilder eher noch verfestigt und verstärkt. Und man darf auch nicht vergessen, dass insbesondere unter den alleinerziehenden Eltern der Anteil der alleinerziehenden Mütter wesentlich höher ist - diese Mütter trifft die Corona-Situation natürlich ganz besonders hart. Die Nerven liegen blank. Plötzlich sind wir nicht nur Mutter , sondern auch Lehrerin, Trainerin, Motivatorin, Freundeskreis für die Kinder , wir haben die Verantwortung für alles und jeden. Und wenn wir laut werden, heißt es: "Hättest halt keine Kinder bekommen."

Was macht das mit den Frauen? Letztlich ist das ja Abwertung pur. Spannend ist auch immer wieder, dass solche Kommentare überwiegend die Frauen zu hören bekommen, die dazugehörigen Männer doch eher selten. In unserer Gesellschaft ist ja häufig generell noch sehr verbreitet, dass es selbstverständlich und normal ist, als Frau all die genannten Rollen innerhalb der Familie zu übernehmen, dafür aber eben keine entsprechende Anerkennung mehr zu bekommen. Durch die Corona-Pandemie sind die Belastungen gestiegen, die Anerkennung aber definitiv nicht.

Die Fragen stellte

Ulrike Sommerer.