Während der Urteilsverkündung kam es zu einem Tumult. Ein Mann quittierte das Gehörte mit „So ein Gelaber“ und verließ den Saal. Der Mann , der der Angeklagten wohl nahestand, hatte mitbekommen, dass diese für zwei Jahre und sieben Monate ins Gefängnis gehen soll. Die wegen gefährlicher Körperverletzung in Mittäterschaft verurteilte 33-jährige Lichtenfelserin verließ den Saal wenig später unter Tränen. „Ich kann das nicht hören, weil das nicht stimmt“, hatte sie vorher noch vehement erklärt. Es ging um einen Vorfall am 17. Juni 2020 gegen 20 Uhr mitten auf dem Lichtenfelser Marktplatz, der von zwei in einem Lokal sitzenden Zeuginnen beobachtet wurde. Doch deren Erinnerungen wichen immens von denen der Angeklagten ab – und sogar von denen des 52-jährigen Opfers.

Staatsanwältin Anna Saam führte ins Feld, dass die Angeklagte , eine Frau , die beruflich auf dem weiten Feld der Pflege daheim ist, dem Opfer mit dem beschuhten Fuß ins Gesicht und gegen den Oberkörper getreten habe. Schon vorher soll der Mann zu Boden gegangen sein, weil ihn ein Faustschlag ins Gesicht getroffen hatte, den eine weitere Person ausgeteilt hatte.

„Die Stimmung war angeheizt“

„Ich habe ihn nicht geschlagen, ich habe ihn auch nicht getreten“, beteuerte die Angeklagte gegenüber dem Schöffengericht. Doch diese Aussage stand völlig konträr zu dem, was zwei junge Frauen von ihren Plätzen in einem Lokal aus gesehen haben wollten. Eine von ihnen, eine 23-jährige Versicherungskauffrau, gab an, dass es schon weit vor 20 Uhr ein lautes Geschrei gegeben habe. „Die Stimmung war schon recht angeheizt, und wir hatten das Gefühl, dass noch was passieren würde“, sagte die junge Frau . Worum es bei dem Geschrei ging, seien zehn oder 20 Euro gewesen, die das Opfer der Frau geschuldet habe. „Er lag schnell am Boden und hat versucht, seinen Kopf zu schützen“, gab die Zeugin zu Protokoll und fügte an, dass es auch zu Tritten gegen die Wirbelsäule gekommen sei.

„Von wem denn?“, wollte Richter Matthias Huber wissen und die Antwort kam prompt: „Von der Dame.“ Eben diesen Umstand bestätigte auch die Freundin der Zeugin , eine gleichfalls 23-jährige Frau , die damals auch unweit in einem Lokal zu Tisch saß. Sie gab an, dass „die Frau immer wieder gerufen hat, sie wolle ihr Geld haben (…), und von meiner Perspektive sah es so aus, als ob das (mit den Tritten) gegen den Kopf ging“.

Verwunderlich an der ganzen Sache war, dass das Opfer selbst den Vorfall entweder herunterspielte oder so nicht erlebte. Danach gefragt, wieso es zu der Begegnung auf dem Marktplatz gekommen sei, setzte der Mann dem Schöffengericht auseinander, während des Einkaufs einen Anruf der aufgebracht wirkenden Frau erhalten zu haben. Seine Reaktion fiel nach eigenem Erinnern wenig charmant aus: „Halt die Fresse, du blöde Schlampe.“

Andere Aussage als bei der Polizei

Auch wenn man sich offensichtlich nicht mochte, kam es zu einer Begegnung, bei der die Angeklagte ihn zwar nicht geschlagen, aber auf ihn „eingefuchtelt“ habe. Er sei von hinten gestoßen worden und zu Boden gefallen, aber Fußtritte habe er nicht abbekommen.

Eine Aussage, die Richter Matthias Huber erst stutzig und dann misstrauisch werden ließ. „Sie erinnern sich noch, was Sie bei der Polizei gesagt haben? Das war etwas völlig anderes als das, was Sie heute sagen.“ Der Angesprochene entgegnete: „Das habe ich nicht anders gesagt.“ Huber, in den entsprechenden Akten blätternd, gab zurück: „Doch.“

Die Frage, wer denn nun den Mann zu Boden gebracht hatte, wurde schnell geklärt: Das geschah durch den Auftritt eines 39-jährigen Lichtenfelsers, der sich derzeit im Gefängnis befindet und aus Kronach herbeigeschafft worden war. „Ich bin vor zum Marktplatz und hab’ dem Geschädigten ein paar neik’haut“, sagte der Mann .

Doch warum? „Weil er es verdient hat“, lautete die gleichermaßen bündige wie nebulöse Antwort darauf.

Als man sich mit dem Vorstrafenregister der Angeklagten befasste, kam heraus, dass die angeklagte Tat in den Zeitraum einer noch offenen Bewährung fiel. Hauptsächlich um Drogenvergehen drehten sich die insgesamt sieben Vorstrafen der 33-Jährigen, die zugab, am Tag vor der Verhandlung mehrere Joints und Alkohol zu sich genommen zu haben.

Für Staatsanwältin Anna Saam galt der Anklagevorwurf als erwiesen, denn die beiden Augenzeuginnen hätten die Frau überführt. „Ich sehe hier keinen minderschweren Fall“, sagte Saam und forderte zwei Jahre und zwei Monate Haft. Von Bewährung war dabei keine Rede.

Rechtsanwältin Anett Raumschüssel plädierte hingegen auf 13 Monate Haft, ausgesetzt zur Bewährung. Dann zog sich das Gericht zur Beratung zurück. Es sollte ein Urteil fällen, das noch härter als das von der Staatsanwältin geforderte ausfiel: zwei Jahre und sieben Monate ohne Bewährung. Ein Grund dafür war die Anzahl der Vorstrafen . „Das kann man nicht außer Acht lassen“, sagte Richter Huber in der Urteilsbegründung.