Als am Dienstag das Urteil gesprochen war, senkte der Verurteilte den Blick und hielt sich die Hand vor das Gesicht. Ein Jahr soll der 25-jährige Asylbewerber aus Sierra Leone wegen Drogenbesitzes in Haft. Er selbst beteuerte, keinen Handel mit Marihuana betrieben zu haben.

Es war der vierte Prozesstag, der am Dienstag im Amtsgericht stattfand. Die Prozesstage waren der Verlesung von Gutachten vorbehalten, aber das Maßgebliche wurde am ersten und letzten Verhandlungstag gesagt. Dem 25-Jährigen, der in Fußfesseln aus der Haft vorgeführt wurde, warf die Staatsanwaltschaft vor, am 28. Mai 2019 in seinem Rucksack in der Asylunterkunft in Weismain 254 Gramm Marihuana gebunkert zu haben. Dabei war auch die Rede davon, dass der Wirkstoffgehalt des Cannabisprodukts hoch gewesen sei, weshalb es sich juristisch um eine sogenannte nicht geringe Menge handelte. Doch was der Angeklagte immer wieder beteuerte: "Es war nicht mein Marihuana ."

"Drogenkurier" aus Frankreich?

Doch wem sollte es dann gehört haben? Die Rede kam auf einen Mann namens Souza, der sich nach Angaben des Angeklagten derzeit in Frankreich aufhalte und als " Drogenkurier " in der Unterkunft tätig war. Dieser Mann habe ihn gefragt, ob er sich seinen Rucksack ausleihen dürfte, und dort hinein habe er das Marihuana gepackt. Gefunden wurde diese Tasche aber bei einer dritten Person im Asylbewerberheim.

Zu sich selbst bekannte der Mittzwanziger am letzten Prozesstag, dass er seit seinem 14. Lebensjahr Konsument sei und dies ihm erleichtere, mit den Bildern der Ermordung seiner Eltern fertig zu werden. Doch ein Handel habe mit Marihuana nicht stattgefunden.

In der Beweisaufnahme, die am ersten Prozesstag vor wenigen Wochen stattfand, sollte eine Ungereimtheit zur Sprache kommen. Eine Kripobeamtin erklärte, dass der Angeklagte ihr gegenüber zunächst angab, dass die besagte Tasche gar nicht seine gewesen sei. Während der Verhandlung aber räumte er doch ein, dass er der Eigentümer dieses Rucksacks gewesen ist. Dass er zumindest in seinem Besitz stand bzw. er sich aus ihm bedient zu haben schien, legte zwischenzeitlich auch ein DNA-Test der Spurensicherung nahe. Doch abgesehen von dem Marihuana selbst befand sich im Rucksack auch eine Waage und somit ein Indiz für das Handeltreiben.

Am Dienstag sollte ein zweiter Zeuge vernommen werden, der am ersten Prozesstag ausblieb. Es handelte sich um einen 24-jährigen Liberianer, in dessen Zimmer die Polizei einst den Rucksack des Angeklagten auffand. Er selbst, so der Zeuge , wisse nicht, wie der Rucksack in sein Zimmer gekommen sei. Dann tauchte in dem Verfahren die Frage auf, ob der Mann, von dem es heißt, er halte sich jetzt in Frankreich und namentlich in Paris auf, am Tag des Polizeieinsatzes im Haus gewesen sei. Zwar konnte sich der Zeuge nicht daran erinnern, dass dieser Flüchtige am Tag des Einsatzes im Haus gewesen ist, aber eine Lanze für den Angeklagten brach er doch. "Ich weiß, dass er konsumierte, aber ich habe nie gehört, dass er gehandelt hat."

Für Rechtsanwalt Michael Linke war die Sachlage klar. Dass es zu DNA-Spuren auf einem Rucksack kommen würde, der zugegebenermaßen seinem Mandanten gehörte, sei nicht verwunderlich. "Die Indizienlage reicht für mich nicht zu einer Verurteilung aus - also Freispruch." Staatsanwalt Harun Schütz sah das anders. Er hielt die Einlassung, wonach jener Souza sich des Rucksacks bemächtigte, nicht für glaubwürdig und plädierte auf 17 Monate Haft zur Bewährung. Ähnlich wertete es auch das Schöffengericht, wenngleich das Strafmaß fünf Monate weniger betragen sollte. Richter Matthias Huber hielt fest, dass der Mann aus Sierra Leone zu maßgeblicher Zeit im Besitz des das Marihuana beherbergenden Rucksacks war und sich daraus bedient habe. Es komme in diesem Fall nicht nur auf die Besitz-, sondern auch auf die Eigentumsverhältnisse an und Eigentümer des Rucksacks sei der Angeklagte gewesen. Eine günstige Sozialprognose mochte Huber zu dem Verurteilten nicht wagen, da dieser keinen Abstand vom Marihuanakonsum nahm und noch zwei weitere Verfahren wegen Betäubungsmittelverstößen gegen ihn anhängig sind.