Es war im Frühjahr 2011, als die damals 15-jährige Hirschaiderin Lena Schaiblein wie gewohnt zum Arzt zur Blutabnahme ging. Von Geburt an hatte sie Probleme mit der Schilddrüse und musste deshalb zweimal im Jahr ihre Blutwerte testen lassen. Ein Wert zeigte sich danach auffällig. Ihr damaliger Arzt riet, beim nächsten Test im Herbst noch einmal genauer hinzusehen. Doch dann waren die Werte bereits so schlecht, dass Lena für ein großes Blutbild und eine Ultraschalluntersuchung ins Klinikum Bamberg geschickt wurde. Ein sechswöchiger Aufenthalt dort brachte dann das niederschmetternde Ergebnis: eine bereits stark geschrumpfte Leber, Leberzirrhose und Hepatitis Typ 1. Dabei handelt es sich um eine Autoimmunerkrankung, bei der der Körper die Leber selbst angreift. Nach einem völligen Versagen der Leber ist der Körper nur noch wenige Stunden lebensfähig, da die Leber sich um die Entgiftung kümmert. Möglicherweise bestand auch ein Zusammenhang mit den Schilddrüsenproblemen.
Kurze Zeit später wandten Lena und ihre Familie sich an die Uniklinik Regensburg. Dort wurde sie gleich auf die Empfängerliste der Stiftung Eurotransplant gesetzt und als Jugendliche weit vorne gelistet. Doch ein Spenderorgan zu finden, ist nicht einfach. Daher musste Lena zunächst mit Medikamenten und häufigen Krankenhausaufenthalten weiterleben. Trotz ihrer Erkrankung schaffte sie es, die Schule abzuschließen, ein Berufsbildungsjahr zu absolvieren und im Herbst 2014 eine Ausbildung zur Fachpraktikerin für Bürokommunikation zu beginnen. Die Ausbildung fand in Nürnberg statt, wohin sie täglich pendelte. Im Januar 2015 verschlechterte sich Lenas Zustand bedenklich: Sie litt unter Übelkeit, Wasserablagerungen, Hautverfärbungen, starkem Juckreiz und Hämatomen an den Beinen. Im Mai musste sie dann ihre Ausbildung abbrechen. Einen Tag vor ihrem 19. Geburtstag im Februar kippte sie dann zu Hause um und brach sich einen Rückenwirbel an.
Da es möglich ist, Teile der Leber auch als Lebender zu spenden, ließ sich Lenas Mutter Monika vier Tage lang auf ihre Eignung testen. Leider benötigte Lena aber den größeren der beiden Leberlappen, was für einen Spender, der dann mit dem kleineren weiterleben müsste, gefährlich werden könnte. Eine Lebendspende kam also nicht infrage. Für die Eltern und die beiden Geschwister der mittlerweile 19-Jährigen eine schlimme Zeit. Auch für Lena selbst, denn altersübliche Aktivitäten wie Kino, Disco oder einfach nur mit Freunden weggehen waren ihr nicht möglich.


Der erlösende Anruf

Dennoch gab Lena nicht auf und tauschte sich über Facebook und andere Internetportale mit anderen Transplantierten und Wartenden aus. Zum Jahresende 2015 war sie dann so schwach, dass sie kaum mehr laufen konnte und schon für kleinste Strecken auf den Rollstuhl angewiesen war. Als mittlerweile Erwachsene konnte sie auch nicht mehr in der Kinderambulanz des Bamberger Klinikums behandelt werden, sondern verbrachte ihre Krankenhausaufenthalte im Uniklinikum Regensburg. Die ganze Familie hoffte nun auf ein geeignetes Spenderorgan. Im Bekanntenkreis und in der Nachbarschaft hatte es auch gelungene Fälle von Organtransplantationen gegeben, so dass wieder Hoffnung aufkam.
Im Januar 2016 wog Lena nur noch 44 Kilogramm und war zu schwach für Narkosen. Nach einer nötigen Magenspiegelung war sie mehrere Tage verwirrt, kaum mehr ansprechbar und die Überlebenschancen nur noch gering. Die Pflege zu Hause und die Versorgung mit Medikamenten wurde dann im März von der Bamberger Palliativstation übernommen - ein Schock für die Mutter, denn so nahe war die Familie dem Thema Tod noch nicht gekommen. Am 9. April 2016 kam dann der erlösende Anruf: Ein geeignetes Spenderorgan war vorhanden. Allerdings stand ein zwölfjähriges Kind noch weiter vorne auf der Warteliste, so dass erst einmal von den Ärzten entschieden werden musste, wem von beiden die Spenderleber "passte".
Um 10 Uhr vormittags wurde Lena abgeholt und ins Krankenhaus gebracht, bis abends bekam sie Infusionen. Dann, um 23 Uhr, fiel die Entscheidung, dass Lena die Leber bekommen sollte und sie wurde sofort operiert. Ihre Gedanken und Sorgen galten dabei dem anderen Kind. Nach einer fünfstündigen Operation war das Organ transplantiert. Der 10. April ist seither ihr "Lebergeburtstag", den sie heuer erstmals feiern konnte.
Alle vier Wochen muss Lena zur Nachkontrolle ins Krankenhaus, hat die Operation und den achtwöchigen Klinikaufenthalt aber insgesamt gut weggesteckt. Abstoßungsreaktionen gab es bislang nur einmal, in Form von Juckreiz - ein häufiges Anzeichen von Lebererkrankungen. Bis zu etwa fünf Jahre nach der Transplantation kann das neue Organ abgestoßen werden.


Auf Medikamente angewiesen

Was sich durch die neue Leber aber nicht gebessert hat, ist die Autoimmunhepatitis, sie kann auch das Spenderorgan befallen. Daher muss Lena lebenslang Medikamente dagegen einnehmen. Die junge Frau selbst versucht, das Beste aus ihrem neuen Leben zu machen: Sie hat im Februar 2017 ihre Ausbildung wiederaufgenommen, wohnt in einem Wohnheim in Nürnberg und geht zur Berufsschule. Über die Herkunft ihres neuen Organs weiß sie nichts. Allerdings hat sie einen Brief an Eurotransplant geschrieben mit der Bitte, den Angehörigen des Spenders ihren Dank auszurichten.
Lena muss aber gut auf sich und ihre Gesundheit aufpassen: Um Infektionen zu vermeiden, muss sie sich und ihre Umgebung häufig desinfizieren und sehr reinlich leben. Ihr Wunsch ist eine Benefizveranstaltung in Hirschaid, bei der auf Organ- und Blutspenden aufmerksam gemacht werden soll, möglicherweise ein zweitägiges Fest hinter dem Rathaus mit Infoständen und Musik im kommenden Jahr. Gerade unter jungen Leuten, meint Lena, ist das Bewusstsein für diese Themen nicht besonders gut ausgeprägt. Sie möchte hier mit Informationen und Spaß Interesse für ernste Angelegenheiten wecken.
Der Erlös soll dann für Typisierungen zur Stammzellenspende oder für Wünsche krebskranker Kinder genutzt werden. Was ihr dazu noch fehlt, ist eine Band, die für den guten Zweck spielen würde.