Kronach — Über niedrige Zinssätze und darüber, wie die Banken auf den demografischen Wandel reagieren, haben wir mit dem Vorstandsvorsitzenden der Sparkasse Kulmbach-Kronach, Klaus Scherr, und dem Vorstand der Raiffeisen-Volksbank Kronach-Ludwigsstadt, Jürgen Möhrle, gesprochen.

Gefährdet das niedrige Zinsniveau Ihre Banken?
Klaus Scherr: Die Geschäftsentwicklung der letzten Jahre lässt uns stabil in die Zukunft gehen. Wir haben die erforderliche Substanz aufgebaut. Wir müssen nun die Last der Niedrigzinspolitik der EZB und der zunehmenden Regulierung tragen. Das sind Belastungsfaktoren, aber wir kommen damit zurecht. Gerade die Sparkassen sind im Gegensatz zu den Großbanken häufig einlagenlastig aufgestellt. Das bedeutet, wir können nicht alle Einlagen in Form von Krediten ausreichen und müssen den "Überschuss" am Kapitalmarkt anlegen. Die niedrigen Anlagenzinsen belasten unseren Zinsüberschuss, das Betriebsergebnis sinkt zunehmend. Wir gehen davon aus, weiterhin schwarze Zahlen - wenn auch niedrigere - zu erwirtschaften und ein stabiler Partner der Region zu sein.
Jürgen Möhrle: Aktuell und auch mittelfristig sind keine Probleme für uns erkennbar. Wichtig ist in der Situation, dass man die Kosten fest im Blick behält. Sollte das Zinsniveau aber noch lange Zeit so bleiben, werden wir - wie übrigens alle anderen Banken und Versicherungen auch - über weitere Maßnahmen nachdenken müssen. Unser ureigenes Geschäft ist es, Einlagen aus der Region in der Region wieder auszuleihen. Anders als international agierende Großbanken betreiben wir kein Investmentbanking und streben auch keine Eigenkapitalrenditen von über 25 Prozent an.

Wie wirkt sich das Zinsniveau denn auf das Sparverhalten Ihrer Kunden aus?
Scherr: Die leicht gestiegenen Einlagen von Kunden im Geschäftsjahr belegen, dass uns die Kunden vertrauen. Die Anlageentscheidungen jedoch sind für unsere Kunden deutlich schwieriger geworden. Wir beobachten eine Tendenz zu kurzfristigen Anlageformen. Und auch Wertpapiere gewinnen für unsere Kunden an Bedeutung. Diese sind mit Blick auf die Marktentwicklung nachvollziehbar und richtig. Dennoch ist die Frage, ob sich Sparen noch lohnt, immer wieder präsent. Ich sage ja, beispielsweise ist es notwendig Vermögen für die Altersvorsorge zurückzulegen. Zudem lohnen sich risikoarme Anlageformen immer noch, wenn deren Verzinsung nur marginal oberhalb der Inflationsrate liegt.
Möhrle: Nach wie vor stehen kurzfristige Anlagen im Fokus unserer Kunden. Damit verlieren sie unter Berücksichtigung von Inflation und Steuer täglich Geld, nehmen dies aber anscheinend in Kauf. Wir versuchen mittels unserer genossenschaftlichen Beratung die jeweils beste Lösung für den individuellen Bedarf zu finden.

Und wie wirkt sich das Zinsniveau auf die Vergabe von Krediten für Immobilien im Landkreis aus?
Scherr: Investitionen in Immobilien sind zunehmend attraktiv, denn so günstig war das Geld dafür noch nie. Im vergangenen Jahr konnte ein Anstieg der Wohnungsbaukreditgenehmigungen um 15 Prozent in unserem Geschäftsgebiet verzeichnet werden.
Möhrle: Wir haben aktuell das niedrigste Zinsniveau, an welches ich mich erinnern kann. Das macht auch das Bauen und Renovieren von Immobilien günstig. Aktuell verspüren wir in diesem Bereich eine sehr hohe Nachfrage.

Wie finanzieren Ihre Banken ihre Kredite?
Scherr: Als Sparkasse mit großen Einlagenüberhängen stehen uns für Kreditausreichungen genug Mittel zur Verfügung. Das unterstreicht auch, wie bedeutsam die Einlagen für das Modell der Regionalbanken sind: Das Geld, das uns die Kunden anvertrauen, reichen wir in Form von Krediten an Unternehmen und Privatleute in der Region weiter.
Um für die Refinanzierung weiterhin unabhängig zu sein, haben wir uns 2014 als Pfandbriefbank für die Emission von Hypothekenpfandbriefen lizenzieren lassen.
Möhrle: Aus den Geldern unserer Anleger aus unserer Heimatregion.

Wie wollen Ihre Banken auf die Herausforderungen wie niedrige Zinsen, weniger Einwohner und die verstärkte Präsenz von Mitbewerbern reagieren?
Scherr: Wir wollen das Vertrauensverhältnis zwischen Berater und Kunden intensivieren, näher an den Kunden rücken.
Dabei bedeutet Nähe nicht unbedingt nur räumliche Nähe. Zum Beispiel nimmt die Zahl der Filialbesuche zugunsten der Nutzung des Online-Bankings weiter ab. Der Kunde will einerseits einfache Dinge im Service online rund um die Uhr abwickeln, andererseits will er hochqualitative Beratung. Deshalb stärken wir die stationären Filialen durch unsere Spezialisten, wie beispielsweise für Wohnungsbau, Versicherungen und so weiter.
Möhrle: Mit intelligenten Lösungen, beispielsweise mit unserer mobilen Geschäftsstelle, mit weiteren Dienstleistungsangeboten im Bereich Gas- und Stromtarifen, mit Produkten speziell für unsere älteren Mitbürger und eventuellen Anpassungen bei der Infrastruktur.
Wirkt sich die demografische Entwicklung schon jetzt auf Ihre Banken aus?
Scherr: In unserem Geschäftsgebiet wurde seit dem Jahre 2000 bis Ende 2013 ein Bevölkerungsrückgang von 13 000 Einwohnern verzeichnet. Setzt sich dieser Trend fort, gehen wir bis zum Jahr 2020 von einem weiteren Verlust von etwa 1000 Einwohnern pro Jahr aus. Das bedeutet, unsere Zielgruppe verengt sich zunehmend. Hier ist die Digitalisierung eine große Chance. Via Internet können wir den Kontakt zu Kunden halten, auch wenn diese außerhalb des Geschäftsgebiets wohnen.
Möhrle: Natürlich, wenn der Landkreis jedes Jahr zwischen 400 und 800 Einwohner verliert, dann nehmen wir einfach unseren Marktanteil her und sehen in etwa die Auswirkungen. Wir begrüßen deshalb alle Anstrengungen, wie die FOS am Rennsteig, Beamtenfachschule, etc., die unternommen werden, um den Abwärtstrend zu stoppen.

Die Fragen stellte Veronika Schadeck