Der Begriff "Ammenmärchen" geht auf die Gewohnheit der Ammen zurück, die von ihnen betreuten Kindern mit ungewöhnlichen Geschichten und Märchen zu unterhalten oder zum Einschlafen zu bringen. Bei nicht so wohlhabenden Familien waren es vielfach die Opas und Omas, die ihren Enkeln fantasievolle Geschichten aus der Heimat erzählten. So hat der Volksmund manchmal Legenden und Sagen gebildet, die auch heute noch im kollektiven Gedächtnis der Menschen erhalten geblieben sind.

Die Stadt Zeil kann auf eine reiche Geschichte zurückblicken, die auch gut erforscht und zumeist auch dokumentiert ist. Am Ende eines glanzvollen Jubiläumsjahres ist es sicher angebracht, von einigen Legenden, Kuriositäten und auch Irrtümern zu berichten, die ein Stück weit auch zur Geschichte Zeils gehören.

1. Kaiser Barbarossa und der Ölschnabel In einem kleinen knapp 100 Seiten umfassenden Bändchen, veröffentlichte 1955 der aus Zeil stammenden Hanns Steigner mehrere Sagen und Geschichten. Der in Gerolzhofen wirkende Lehrer erzählt unter anderem, wie Kaiser Friedrich I., besser bekannt als Barbarossa, auf einer Durchreise in Zeil eine Weinprobe erlebt haben soll. Der Kaiser habe zuvor mit seinem Gefolge mehrere Weinorte am Untermain passiert, um die fränkischen Weine zu kosten. In Schweinfurt war es der Wein von der Mainleite, der Anerkennung fand. Die Haßfurter bereiteten dem hohen Gast einen festlichen Empfang mit Glockengeläute und Fahnenschmuck. Blumenbegrenzte Mädchen kredenzten dem Kaiser und seinen Rittern den Haßfurter Wein. Der Kaiser erhob sich, um als erster ein paar Schlücke aus dem silbernen Pokal zu trinken. Sein treuer Ritter Humprecht dagegen trank und trank bis der Becher geleert war. Er stellte ihn auf dem Tisch weit von sich und winkte ab, als ein Knappe ihn erneut füllen wollte.

Haßfurter Wein? Naja...

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Der Kaiser hatte seinen Freund beobachtet und war überrascht, denn der dargebotene Wein war ein Säuerling. Nach einer Weile fragte er mit leiser Stimme: "Hat dir denn dieser Wein wirklich so gut geschmeckt?" - "Nein", sagte der Ritter ebenso leise, "das Zeug ist schwer zu genießen. Aber ich hab es auf einmal hinuntergeschluckt, damit ich nicht öfter ansetzen muss. Wer da lachen will, muss lachen, ehe er davon trinkt. Nachher kann er's eine Weile nicht mehr. Besser, als mir dieser Haßfurter Wein geschmeckt hat, haben mir die schönen Maiden gefallen, welche den Wein kredenzt haben."

Die nächste Station war dann Zeil, wo man angeblich im Hof des Jagdschlosses in einfachen Zinnbechern dem Kaiser mit seinem Gefolge einen Wein aus dem Weinberg der Schmachtenburg auftischte. Als beim Imbiss der zufriedene Kaiser aufstand, seinen Becher hob und den Tischgenossen zutrank, schlürften alle mit Behagen. Kaiser Barbarossa selbst setzte nach mehreren guten Zügen seinen Becher wieder auf den Tisch und rief mit Verwunderung: "Der schmeckt."

Humprecht aber, der Weinkenner vom Bodensee, nahm nur drei Schluck und stellte dann sinnend seinen Becher vor sich hin. Dem Kaiser fiel das auf. Er rief: "Na, alter Freund, dieser Wein schmeckt deinem Schnabel wohl nicht?" Ritter Humprecht nahm versonnen erst noch einmal drei Schluck und antwortete mit strahlenden Augen: "Solchen Wein hab ich lange nicht gekostet. Den trinke ich mit Andacht. Meine Zunge soll ihn genießen. Nur drei Schluck, dafür aber öfter. Dieser edle Tropfen geht runter wie Öl!" Fortan hieß der Wein am Südrand der Haßberge östlich von Zeil nicht mehr "der Schmachtenberger", sondern "Ölschnabel".

Kaiser Barbarossa lebte von etwa 1122 bis 1190. Hanns Steigner erwähnt Geschehnisse, die einer Nachprüfung nicht standhalten. Belegt ist nur, dass Kaiser Rotbart 1156 in Würzburg geheiratet hat und dass Zeil zu dieser Zeit schon seit mehr als 100 Jahren existierte. Haßfurt wird erstmals 1230 erwähnt. Das Zeiler Jagdschloss, wo das Treffen stattgefunden haben soll, sowie die Schmachtenburg gab es zu Lebzeiten des Kaisers noch gar nicht. Und schließlich gehört die erstmals 1511 erwähnte Lage Ölschnabel nicht zu Schmachtenberg sondern zu Ziegelanger. Sagen und Legenden müssen es mit der geschichtlichen Wahrheit nicht so genau nehmen. Die Zeiler und die Weinfreunde erzählen sich die Ölschnabel-Legende trotzdem gerne, schon wegen des Lobes auf den hiesigen Wein. 2. Kaiserliche und fürstliche Zwillinge In dem 1847 erschienen opulenten Band "Die Mainufer und ihre nächsten Umgebungen" von Ludwig Braunfels wird erzählt, dass in Zeil eine Kaiserin von Zwillingen entbunden worden sein soll. Zur dankbaren Erinnerung habe die Majestät Zeil zur Stadt erhoben. In den nach dem Bau der Eisenbahn (1852) erschienen Handbüchern für die an der Bahnlinie liegenden Orte sowie in Meyers Konversationslexikon von 1880 wird sogar behauptet, Zeil sei von Kaiser Barbarossa zur Stadt erhoben worden. In Wirklichkeit erhielt Zeil das Stadtrecht erst 1379 von dem Bamberger Bischof Lamprecht.

Historische Klarheit

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In einem Beitrag für die Heimatzeitung erwähnte 1916 der Zeiler Student P. Pottler zwei Wappenreliefs. Mindestens eines habe - so die landläufige Meinung - zu einer schwedischen Fürstin gehört, welche hier Zwillinge zur Welt gebracht haben soll. In Wahrheit stammten die Wappensteine aus dem 1829 abgebrochenen Unteren Torturm. Wer bis 1803 durch das Tor der vom Würzburger Gebiet umschlossene Amtsstadt ging, sollte sehen, zu welchem Herrschaftsbereich die Stadt Zeil gehört. In dem 1912 erschienenen Band "Die Kunstdenkmäler des Königreiches Bayern" sind die Tafeln beschrieben, so dass man genau weiß, was sie dargestellt haben. Die eine Steinplatte wies auf das Wappen des Bamberger Bischofs Albrecht von Wertheim (1398 1421) hin, der wohl den Bau der Stadtmauer angeordnet hat. Das zweite Relief stellte neben dem Bamberger Wappen die Herren von Schott dar.

Beide Reliefs standen vermutlich nach dem Abriss des Unteren Stadtturmes viele Jahre lang herum. Bis sich ein Anlieger erbarmte und die Tafeln in die Fassade seines Wohnhäuschens am Bach einmauerte. Offenbar hat sich aus diesen Wappenreliefs im Zusammenhang mit dem eingangs erwähnten Zitat von Ludwig Braunfels in der Volksmeinung die Legende von den in diesem Häuschen geborenen Zwillingen entwickelt. Erst bei Umbauarbeiten sind die Wappensteine entfernt worden und verloren gegangen.

3. "Raubritterburg" ohne Raubritter

Alte Leute erzählten früher gerne, die Schmachtenburg sei einmal eine Raubritterburg gewesen. Ihre Bewohner hätten nicht nur den vorbeiziehenden Handelsleuten, sondern auch den auf dem Main verkehrenden Frachtschiffen aufgelauert. Selbst heute noch glauben manche Besucher der Ruine, die drei Burgen in Eltmann, Zell am Ebersberg und Schmachtenberg seien einmal durch unterirdische Gänge verbunden gewesen. Solche finsteren Gänge üben eine seltsame Faszination auf die Menschen aus. Während der Arbeitslosigkeit in den frühen 1930er Jahren versuchten immer wieder Leute vergebens in den Kellern und Gängen der Burgruinen der Wallburg in Eltmann und der Ebersburg in Zell nach verborgenen Schätzen.

In einem Zeitungsbericht heißt es vor fast einhundert Jahren: "Auf der Schmachtenburg ist noch der Eingang in den zerfallenen unterirdischen Gang zu sehen, der die Burg auf dem Zabelstein und dem früheren Jagdschloss und jetzigem Rentamt Zeil verbunden haben soll." Der Steinbacher Heimatkundler Josef Barth vermutete sogar, dass es in dem unterirdischen Gang eine Zugglocke gab, welche mit der Burg verbunden war. Sie soll dort geläutet haben, sobald Schiffe auf dem Main eine bestimmte Stelle passierten.

Der Trick mit dem Geißbock

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Da gibt es die hübsche Sage von der Belagerung der Burg Ebersberg in Zell. Um den Belagerern vorzugaukeln, das man noch lange nicht am Verhungern sei, habe der Burgherr einen Geißbock schlachten lassen und das Fell einem kleinen Buben übergelegt. Der musste sich an verschiedenen Stellen auf der Mauer zeigen und dabei Sprünge machen. Daneben hängte man noch frische Weintrauben über die Zinnen der Burg, die das Töchterchen unter Benützung des unterirdischen Ganges zur Schmachtenburg, aus deren Weinberg herbeigeschafft haben soll. Sowohl in Eltmann als auch in Schmachtenberg überliefert der Volksmund, dass es zumindest unterirdische Fluchtwege hinunter in die Stadt beziehungsweise ins Dorf gegeben hat. Seriöser ist dagegen die häufig publizierte Ansicht, dass man von der Schmachtenburg aus mit Feuer- und Rauchsignalen mit benachbarten Burgen kommunizieren konnte.

Aber bitte mit Kerze!

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Manche Buben sind in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg hinunter in den Burgkeller der Schmachtenburg gestiegen. Gewarnt durch Ratschläge älterer Leute, trugen sie manchmal vorsichtshalber eine brennende Kerze oder Laterne vor sich her. Wenn die Flamme wegen Sauerstoffmangel auszugehen drohte, wollte man schnell wieder zum Ausgang des Kellers zurückkehren. Der dient heute als Reservat für Fledermäuse, die durch eine schmale Öffnung an der Tür ein- und ausfliegen. Wenige Monate vor Kriegsende wurde der Burgkeller von der in der Marienschule stationierten Flak-Eeinheit als externes Munitionslager benutzt.