Erfreulicherweise sind Flur- und Wegkapellen – meist in schlichter Ausführung – im Frankenwald noch in großer Zahl vorhanden. Diese Bauwerke, größtenteils aus Holz, Sandstein und Schiefer erbaut, prägen die herbe Frankenwaldlandschaft. „In ihnen manifestiert sich der Glaube an die überirdische Macht, an Gott und an die Heiligen als Zufluchtsstätte bedrängter und Hilfe suchender Menschen“, so der ehemalige Kreisheimatpfleger Roland Graf aus Dörfles. Breit gefächert sind die Stiftungsmotive. Sie reichen von der Abwendung von Unheil in körperlicher und materieller Form über tief empfundene Dankbarkeit gegenüber Gott und seinen Heiligen bis hin zum Unglück mit tödlichem Ausgang.

Einst gab es auch eine Wegkapelle im „Unteren Gründlein“ nahe der Gemarkungsgrenze Stockheim / Neukenroth . Sie ist 1885/86 von dem Bergmann Karl Wetzel und seiner Ehefrau Maria Kunigunda, wohnhaft in Stockheim im Haus mit der Nummer 1, erbaut worden. Der Schwiegervater von Wetzel, Bäckermeister Johann Adam Hildner, stellte dafür ein Grundstück in der Gemarkung Stockheim zur Verfügung. Die Errichtung erfolgte am Bergmannsweg von Neukenroth nach Stockheim . In jener Zeit arbeiteten an die 80 bis 100 Bergleute aus Neukenroth in den Steinkohlenzechen rund um den Spitzberg. Beim Vorbeigehen an der kleinen Kapelle bat man mit einem kurzen Gebet um eine glückliche Heimkehr.

Gefährliche Arbeit unter Tage

Und das hatte gewichtige Gründe, denn die Knappen unter Tage lebten gefährlich. Die Nachforschungen von Berthold Schwämmlein ergaben, dass in der 400-jährigen Geschichte der Steinkohlereviere Stockheim , Reitsch und Neuhaus über einhundert Bergleute tödlich verunglückten. Es gab deshalb vielerlei Anlässe, dass man am Bergmannsweg diese Kapelle errichtet hat. Die letzte große Tragödie ereignete sich am 5. September 1872 bei einem Grubenbrand in 120 Meter Tiefe auf der Zeche „Vereinigter Nachbar“ am Zinnrück mit 14 Toten.

Zum Zeitpunkt des Kapellenbaus streikten auf den Zechen „Maxschacht“ und „Sophie“ vom 20. Juli bis 5. September mit Unterbrechungen 150 Kohlenhauer. Sie kämpften um einen höheren Lohn, der bei einer Acht-Stunden-Schicht gerade mal 85 Pfennige betrug. Überliefert ist auch, dass sich ein verheirateter Bergmann aus lauter Verzweiflung in Folge des kargen Verdienstes für den Unterhalt seiner Familie erhängt hat.

Auch bei dem katholisch geprägten Bergmann Karl Wetzel, der als Witwer mit 68 Jahren an einem Lungenleiden im August 1889 verstarb, deutet vieles auf großes Leid hin. Im Jahr darauf verstarb sein 17-jähriger Sohn Johann Wetzel ebenfalls an einem Lungenleiden. Ein weiterer tragischer Todesfall ereignete sich in der Familie am 22. August 1877. Georg Wetzel starb im Alter von nur 17 Monaten, wie dies aus den Neukenrother Kirchenbüchern hervorgeht. Vielerlei Gründe hat es also gegeben, dass man am Bergmannsweg die kleine Kapelle errichtet hat. Die Weihe nahm am Sonntag, 3. Oktober 1886, der Neukenrother Pfarrer Valentin Schürger anlässlich des Rosenkranzfestes vor.

Im Jahre 1885 wurde die Eisenbahnverbindung von Stockheim nach Ludwigsstadt in einer wirtschaftlich schwierigen Zeit fertiggestellt. Reisende konnten so vom Zug aus den kleinen Sakralbau in seiner Einfachheit und Beschaulichkeit am Fuße des Spitzbergs bewundern. Einsam stand die Wegkapelle damals in der Flur. Erst nach 1948 änderte sich die Situation mit dem Bau der Bergwerkssiedlung. Nach und nach entstanden weitere Häuser in Richtung Norden. Darunter hatte der Standort der Kapelle besonders zu leiden und gleichzeitig verlor der vorbeiführende Feldweg seine Bedeutung.

Schon lange existiert die Kapelle nicht mehr und sie geriet in Vergessenheit. Nur noch die Älteren können sich an das historische Bauwerk, das um 1979 aufgelassen wurde, erinnern, denn es war nach und nach dem Verfall preisgegeben. Allerdings gibt es einen Hoffnungsschimmer, denn die Madonna mit Jesuskind aus der einstigen Kapelle wurde gefunden und hat erfreulicherweise den Niedergang überstanden.

In einem Schrank verborgen

Nach dem Abriss der Wegkapelle fand die Madonna zunächst bei Gretel Friedrich (1993 verstorben) eine Bleibe und in den Jahren danach war sie in einem Schrank im Kirchturm der St.-Wolfgangskirche vor der Öffentlichkeit verborgen. Als die Wegkapelle nach dem Zweiten Weltkrieg noch halbwegs intakt war, gehörte Gretel Friedrich zu den gläubigen Christen, die zu Füßen der Madonna immer wieder frische Blumen aufstellte, wie sich ihre Enkelinnen Christina und Elke erinnern.

Nun soll die 91 Zentimeter große Marienfigur – sie ist aus Holz geschnitzt – mit dem Jesuskind restauriert und an ihrem angestammten Platz in einem Nachbau der ehemaligen Kapelle wieder der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Ein besonders würdiger Ort dafür wäre der Außenbereich der bergmännischen Rentei, die derzeit durch die Gemeinde Stockheim umfassend saniert wird. Insbesondere der Vorsitzende des Knappenvereins Stockheim und Umgebung, Heiko Eisenbeiß, sieht Handlungsbedarf, denn die einstige Wegkapelle erinnere im besonderen Maße an die oft dramatisch verlaufene Bergbaugeschichte im Haßlachtal.