Inmitten spätwinterlichen Schneeregens erwecken auch in diesem Frühjahr wieder Schülerinnen der Kronacher Berufsfachschule für Pflege an der Helios-Frankenwaldklinik Kronach einen kahlen Baum zum Leben – mit kreativen Haiku auf bunten Blättern.

„Da oben ist noch Platz!“, ruft Carina ihrer Mitschülerin zu und reicht ihr eine der wetterfest eingeschweißten Seiten. Drei Zeilen stehen darauf: „Brauchst du mal ein Licht, das Leben kann dunkel sein, wir bringen es dir“. Es ist ein Gedicht aus der Feder ihrer Mitschülerin Jessica, die gerade Distanzunterricht hat. Stellvertretend für sie hängen ihre Kolleginnen im Praxiseinsatz es an diesem kalten Apriltag vor dem Eingang der Frankenwaldklinik auf. Blatt für Blatt und Ast für Ast wird so aus trockenen Zweigen ein grüner „Poesie-Baum“ voller ideenreicher Botschaften.

Entstanden sind das Gedicht und Dutzende weitere in besonderen Unterrichtsstunden . Bereits seit einem Vierteljahrhundert bringt der Kronacher Schriftsteller Ingo Cesaro den Auszubildenden an der Frankenwaldklinik die traditionellen japanischen Kurzgedichte näher. Schrittweise werden sie an die Kunstform herangeführt, angefangen bei Spracharbeit, Wortkarten und dem Ergänzen vorgegebener Zeilen in der klassischen fünfsilbigen Struktur, dem „Geheimnis“ dieser Kurzgedichtform, wie Cesaro verrät. Beim freien Verfassen der eigenen Werke wird dann absichtlich kein Thema vorgegeben. „Es sollen die Gedichtideen bearbeitet werden, die den Schülern am Herzen liegen“, erläutert der Schriftsteller . Es geht um Jahreszeiten, Hoffnung und Wünsche, um Gefühle und um den Arbeitsalltag in der Klinik.

Klinikerlebnisse verarbeiten

Einfallsreichtum bewies auch die Klasse 56 unter Leitung von Petra Engelhardt. Fest zum Berufsbild der angehenden Pflegekräfte gehört nicht erst seit Beginn der Pandemie der Umgang mit Patientenschicksalen und ihren eigenen Erlebnissen. Die Haiku bieten einen Weg, diese Eindrücke auf eine besondere Weise zu verarbeiten. In ihrem Heimatland funktionieren sie seit jeher als künstlerisch akzeptiertes Ventil, um den eigenen Seelenzustand in Worte zu kleiden. Dabei folgen sie einer strengen Form und nennen die Gefühle selbst nicht beim Wort. Dahinter steht die große Zurückhaltung der japanischen Gesellschaft, Gefühle öffentlich darzustellen. Über das Schreiben von Haiku finden die Autoren zu sich und verarbeiten ihre Emotionen . „Wir wollen gerade in diesem Jahr gemeinsam ein Zeichen der Hoffnung setzen!“, betont Ingo Cesaro. red