Viele wahllos angebrachte Graffiti an Bauwerken und anderen Objekten sind im Stadtgebiet Kronach zu sehen. Als Sachbeschädigung werden diese wilden Kritzeleien von der Justiz geahndet und auch bestraft. Wer hat im Oktober vergangenen Jahres solche sogenannten „Tags“ am „Plessiturm“ im Landgartenschaugelände und an der Bahnunterführung in Kronach angebracht? Das Rätsel bleibt wohl weiterhin ungelöst. Denn: Freispruch lautete das Urteil des Kronacher Jugendschöffengerichts am Freitag für einen mutmaßlichen 20-jährigen „Wildpinsler“. „Wer der oder die Missetäter waren, bleibt weiterhin ungeklärt“, fasste Richter Jürgen Fehn zusammen.

Ohne Strafe durfte der Angeklagte aus dem Landkreis Kronach trotzdem den Gerichtssaal nicht verlassen. Er hatte sich neben den Beschuldigungen zur Graffiti-Verschandlung noch zwei weitere Straftaten geleistet. Deshalb muss der Arbeitslose mit Jobaussicht nun 40 Stunden gemeinnützige Arbeit ableisten und sich einigen richterlichen Weisungen unterziehen.

Nach anfänglichem Verdacht durch Staatsanwalt Georg Schneider soll der 20-Jährige mit seinen beiden öffentlichen Graffiti einen Sachschaden von rund 8500 Euro angerichtet haben. Die weiteren, später verurteilten Vorwürfe: Vier Wochen später soll er mit einer Softair-Pistole Schüsse auf ein Fenster und Rollos eines Hauses abgefeuert haben. Der Schaden dort: 780 Euro.

Ex-Lehrerin belästigt

Eine weitere Straftat , die letztlich für ihn zur Schöffenverhandlung führte: Im gleichen Zeitraum soll der angeklagte Ex-Schüler seiner ehemaligen Lehrerin pornographische Selbstdarstellung und exhibitionistische Handlungen via Handy geschickt haben. Letzteres wurde strafrechtlich als Verbreitung von pornographischen Schriften mit Beleidigung gewertet und später auch so verurteilt.

„Der Angeklagte hat mit der Graffiti-Sache nichts zu tun“, erklärte Verteidiger Till Wagler für seinen jungen Mandanten. Die Sachbeschädigungen am Fenster gebe dieser jedoch zu. Der Hintergrund sei: Er habe in der Wohnung einer Bekannten damals einen Schlafplatz gesucht und wollte mit den Schüssen auf sich aufmerksam machen. Der Anwalt: „In meiner Jugend hat man noch mit Steinchen geworfen, heute nimmt man dafür eine Softair-Pistole.“ Der Angeklagte habe nicht geahnt, dass derartige Schäden entstehen können.

Zu den pornographischen Vorwürfen erläuterte der Angeklagte selbst: Er habe die Lehrerin schon einige Jahre gekannt. Die Handynummer hatte er noch aufgrund einer einstigen Klassenfahrt noch gespeichert. Bei der Erstellung und des Versandes des Videos habe er unter Rauschmittel gestanden. Heute sei es ihm dies sehr peinlich.

Der Richter erklärte, wie man auf den angeklagten mutmaßlichen Graffiti-Sprayer kam. So hatte dieser ähnliche Schriftzeichen einst auf seiner Internet-Seite gepostet und sein Zimmer damit dekoriert. Bei einer Hausdurchsuchung seien zwar ähnliche „Tags“ als Deko gefunden worden, aber kein Sprühmaterial.

Der Verteidiger glaubte, dass der Angeklagte möglicherweise von anderen Leuten, die diesem nicht wohl gesonnen sind, falsch belastet wurde. Wagler: „Die Sitten in Kronach sind manchmal rauer, als man denkt.“

Die Sachbeschädigungen seien dem Angeklagten nicht nachzuweisen, gab in seinem Plädoyer auch der Staatsanwalt zu. Der kritisierte den Schuss mit der Softair-Waffe. Der 20-Jährige habe Schäden billigend in Kauf genommen. „Das hat nichts mehr mit Steinchen und Stöckchen zu tun“, sagte er. Für den Rest der Vorwürfe wollte Schneider vom Angeklagten eine Geldstrafe von 800 Euro und richterliche Weisungen.

Verteidiger Wagler glaubte, dass der Angeklagte bei den Schüssen nur grob fahrlässig eine Sachbeschädigung herbei geführt habe, die aber nicht strafbar sei. Die Zukunftsprognosen seines Mandanten wertete er so: „Er ist auf einen gutem Weg.“

Als vorsätzliche Sachbeschädigung verurteilte der Richter die Schüsse mit der Softair-Pistole. Schließlich sei die nicht mit Plastik- sondern mit Metallkugeln geladen gewesen. Die sexuelle Belästigung der Lehrerin kritisierte er: „Das war ein starkes Stück, das sie sich da geleistet haben.“