Ludwigsstadt  —  Über 15 Konzerte an vier Tagen an unterschiedlichen Orgeln in den Landkreisen Saalfeld-Rudolstadt und Kronach sowie im Ilmkreis: Es war einmal mehr ein wahres Mammutprogramm, das Matthias Grünert , seit 2005 Kantor der Dresdner Frauenkirche , bei seiner Orgelfahrt vom 13. bis 16. Mai absolvierte. Mit seinen musikalischen Erlebnisreisen will der Organist die unverwechselbare Einzigartigkeit und unbeschreibliche Vielfalt der „Königin der Instrumente“ erlebbar machen.

Orgeln an musikgeschichtlich bedeutenden Orten wie Gräfenroda, Langewiesen oder Saalfeld brachte er an diesen Tagen zum Klingen, in Verbindung mit dem Wort, der Bildersprache eines jeden Kirchenraumes – sei es das Wirken des im 18. Jahrhundert bekannten Komponisten , Organisten und Musiktheoretikers Johann Peter Kellner in Gräfenroda, die Weihe der damaligen Orgel in Langewiesen durch seinen Zeitgenossen Johann Sebastian Bach oder seien es Generationen bedeutsamer Orgelbaumeister und Musikern , die in Saalfeld lebten: Von diesen Geschichten erzählte Matthias Grü­nert musikalisch und machte dabei neugierig auf den endlosen Kosmos mitteldeutscher Orgelmusik .

Auf seinen Tourenplänen erscheinen keineswegs nur symphonische Instrumente großer Stadtkirchen . Auch kleine historische Instrumente, meist liebevoll gepflegte und sanierte Kostbarkeiten, bringt er zum Klingen. Im Kontext mit der Architektur des Raumes entstehen in den einzelnen Konzerten sehr individuelle Klangerlebnisse. Nichts wiederholt sich. Jedes Konzert ist individuell auf das jeweilige Instrument abgestimmt – so auch am Samstag in Ludwigsstadt . Hier war es die 1968 erbaute Ott-Orgel, die die Besucher anlockte, darunter auch solche, die regelmäßig an Grünerts Orgelfahrten teilnehmen.

Berühmte Orgelwerke Bachs

Sie alle durften sich an einem kleinen Kaleidoskop des umfangreichen Werks von Johann Sebastian Bach (1685 – 1750) erfreuen. Mit den von ihm lebhaft und zupackend gespielten Präludium und Fuge in G-Dur (BWV 541) gelang Matthias Grünert ein markanter Einstieg, wobei er vom ersten Tastenschlag an seine ebenso präzise wie leidenschaftlich-dynamische Spielweise unter Beweis stellte. Ein exzellenter Musikgenuss waren auch die Choralbearbeitungen aus der Schübler-Sammlung: „Wachet auf, ruft uns die Stimme“, „Wo soll ich fliehen hin“, „Wer nur den lieben Gott lässt walten“, „Meine Seele erhebt den Herrn“, „Ach bleib mit deiner Gnade“ sowie „Kommst du nun, Jesu vom Himmel herunter“. Die genaue Entstehungszeit der Sammlung ist unbekannt; der Originaldruck wurde 1748/1749 von Johann Georg Schübler in Zella besorgt. Ihm verdankt sie auch ihren Namen. Seinen krönenden Abschluss fand das Gastspiel mit der ideal auf die Möglichkeiten und das farbenreiche Ausdrucksspektrum der Orgel zugeschnitten Fantasie G-Dur, auch Pièce d’Orgue genannt (BWV 572). Die aus Bachs Weimarer Zeit stammende Orgelkomposition mit ihren drei ineinander übergehenden, sehr kontrastreichen Teilen gehört zu seinen bekanntesten und meistgespielten Orgelwerken. Mit vollem Einsatz wirbelte der Frauenkirchenkantor dabei nur so über Manuale und Pedal und entlockte dabei der Orgel eine eindrucksvolle klangliche Weite und Fülle – bis zum jubelnden Abschluss.

Virtuos und frisch

Langer warmer Applaus spiegelte den Dank der Zuhörer wider, die hierfür mit einer innigen Zugabe belohnt wurden. Beeindruckend war nicht „nur“ das virtuose Spiel des Organisten , sondern auch dessen Frische. Scheinbar völlig ermüdungsfrei hatte er ja an diesem Tag bereits zuvor die evangelische Kirche St. Simon und Judas in Altengesees sowie die Stadtkirche Maria-Magdalena in Leutenberg zum Klingen gebracht: mit Ludwigsstadt also drei wechselnde Orte, drei unterschiedliche Gotteshäuser, dreiunterschiedlich disponierte Orgeln – und das alles innerhalb von viereinhalb Stunden, bevor er abends noch in der evangelisch-lutherischen Kirche in Kaulsdorf konzertierte – welch eine Energieleistung.

Pfarrerin Rebekka Pöhlmann hatte eingangs die Besucher zum musikalischen Gottesdienst willkommen geheißen. Sie freute sich sehr, dass der Gastbesuch in diesen Zeiten der Einschränkungen möglich war. In ihrem Impuls ging sie auf den weltbekannten Landsberger Geigenbauer Martin Schleske ein, der nicht „nur“ ein Meister seines künstlerischen Handwerks ist, sondern sein Tun als Ausdruck eines spirituellen Weges versteht. Der überzeugte Christ verwendet beim Aussuchen des passenden Holzes für seine Instrumente auch solches, das als Ausgangsmaterial keinesfalls perfekt erscheint. Dabei interpretiere er, so die Pfarrerin , gerade Eigenarten, die andere vielleicht als Macken empfänden, als großes Potenzial. In eine solche Denkweise sollten wir uns einklinken. Schöpferische Menschen möchten die Welt nicht zurechtbiegen, sondern gestalten – so wie es auch im ersten Petrus-Brief, Kapitel 4 geschrieben steht: „Dient einander als gute Verwalter der vielfältigen Gnade Gottes, jeder mit der Gabe, die er empfangen hat…“

Die Eintritte zu allen Orgelfahrt-Konzerten - so auch in Ludwigsstadt , die einzige Station im Landkreis Kronach – waren frei. Finanziert wird das Projekt durch Sponsoren und freiwillige Spenden.