Mit dem Schuljahr 2021/2022 wird der neue Fachlehrplan „Politik und Gesellschaft“ eingeführt. Er sieht vor, insbesondere auch die Heimatverbundenheit in den Vordergrund zu rücken. In diesem Zusammenhang lud Marieluise Munding, Fachbetreuerin für Politik und Gesellschaft, den Dozenten Günter Dippold zu einem Vortrag für die Kronacher Berufsschule sowie Berufsfachschulen in den Kreiskulturraum ein.

Der Historiker begann mit einer Erzählung von seiner Tante, in deren Schrank es vor vielen Jahrzehnten muffig, alt und modrig roch. „Der Geruch vom Leben der Vergangenheit, ohne wirkliche Sicherheit – ein Schrank, ein Haus, ein Zufluchtsort ohne Komfort, bestenfalls ein Versteck. Das verband man damals mit Heimat “, so der Bezirksheimatpfleger. Mit der Zeit habe sich das Bild gewandelt: Heimat sei zum Zuhause geworden, in dem sich die Menschen zunehmend wohler, sicherer und zufriedener fühlten. Der Fortschritt habe Einzug gefunden. Die Menschen blühten auf.

Schleichend begann sich seiner Aussage nach erneut etwas zu verändern. Immer mehr Wohlstand, soziale Absicherungen, Globalisierung, Digitalisierung, modernste Elektronik schritten voran. Abermals veränderte sich der Begriff Heimat . „Heute sehnen sich die Menschen wieder nach einem Rückzugsort, nach Geborgenheit, Ruhe, Stille, Natur – weg vom immer schneller werdenden Leben“, verdeutlichte er.

Der Volkskundler begab sich auf Spurensuche in den vergangenen Jahrhunderten. Die Zeiten waren geprägt von Hunger, Krankheit, Epidemien , schlechter medizinischer Versorgung, die Lebensumstände katastrophal. Es gab nicht genügend zu Essen, zu viele kranke Kinder, kaum Ärzte, keine Impfungen, Krankenhäuser, Medikamente, kaum Schulbildung. Die meisten Menschen arbeiteten in alten Fabriken unter schlechten Bedingungen. Zusätzlich belasteten schlechte Ernten die Nahrungsmittelversorgung. Die Menschen sahen sich gezwungen, das Land zu verlassen.

Als die Sozialversicherungen eingeführt wurden, besserten sich schrittweise die Lebensbedingungen. Infrastruktur und Straßenbau gewannen an Bedeutung. Die Wintermonate waren hart. Schneemassen blockierten die Straßen, und der Handel kam zum Erliegen. Manche wanderten aus – „Wirtschaftsflüchtlinge“, die in Amerika ihr Glück versuchten.

Nach dem Ersten und Zweiten Weltkrieg und Jahren des mühsamen Aufbaus spielte in den 1960er und 1970er Jahren die Industrialisierung eine immer stärkere Rolle. Das Städtewachstum begann. Immer größere Gebäude wurden errichtet, der Ausbau des Schienennetzes auch in Oberfranken ging voran. So gab es zum Beispiel die Bahnlinien Nordhalben-Steinwiesen-Kronach-Tettau, um Waren über weite Strecken zu transportieren oder auch die Flößer zwischen Wallenfels und Marktrodach-Zeyern, die ihre Hölzer per Floß von einem Ort zum nächsten brachten. Die Vernetzung mit dem Telefon, die Mobilität mit dem eigenen Auto, Mode, Essen und Nahrungsmittel aus anderen Ländern gewannen an Bedeutung. „Doch nicht alle Menschen kamen mit den Erneuerungen und dem Fortschritt zurecht. Sie fremdelten mit der neuen Zeit, der neuen Heimat “, erklärte der Professor.

Unsere Aufgabe sei es, unser gemeinschaftliches Heimatgefühl beziehungsweise die Heimatzugehörigkeit zu erhalten, indem wir uns beispielsweise in den Gemeinden, bei Vereinen und der Ausrichtung von Veranstaltungen engagieren – helfen, wo Hilfe gebraucht wird. „Jeder einzelne ist Staat, wir leben Heimat .“

Heute stünden für den Begriff Heimat noch andere wichtige Punkte auf der Agenda: Umweltschutz, Energiewende , Ressourcennutzung, Lebensmittelverschwendung, Abfallvermeidung, Wasserknappheit u.v.m. prägten jetzt unsere Heimat , die dringend nachhaltigen Schutz brauche. Dabei sei jeder einzelne gefragt. Eine eindeutige pauschale Antwort auf die Frage „Was ist Heimat ?“ gebe es indes nicht. Diese müsse jeder für sich finden.