Wir schreiben das Jahr 1151. In einem Dorf hoch oben im noch siedlungsarmen Frankenwald hat eine Frau das Sagen. Sie verwaltet in rauher Region den Besitz ihres weit entfernt herrschenden Herrn. Sie lässt die Durchgangsstraße zwischen Thüringen und Franken kontrollieren, sammelt Abgaben der Reisenden und der hier Wohnenden ein und achtet auf Recht und Gesetz. Sie macht das wohl sehr gut und zur vollen Zufriedenheit, sie ist beliebt bei ihren Untergebenen und wird respektiert von den Machthabern. Ihre für eine Frau damals eher seltene exponierte Position findet Bestätigung und Niederschlag in einer Urkunde aus dem zwölften Jahrhundert. Um was geht es?

Beginnen wir mit dem Namen. Die Frau heißt Petrissa von Lame. Der Vorname ist die weibliche Form von Peter und erscheint ab dem zwölften Jahrhundert immer wieder in Schriftstücken – sozusagen als Modename. Lame bezieht sich auf den heutigen Wilhelmsthaler Gemeindeteil Lahm, wohl als ein Hinweis auf eine einst hier ansässige nicht unbedeutende Schafzucht. Die Verknüpfung „von“ ist ein Hinweis auf den Wohnort der Dame und möglicherweise auf ihre (nieder-)adelige Herkunft sowie ihre berufliche Stellung als Ministerialin.

Ministerialen waren im Mittelalter in der Regel männliche Verbindungs- und Verwaltungsleute, sie baufsichtigten zeitlich befristet eine Burg und einen Herrschaftssitz im Auftrag ihres Lehensherrn. Wenn eine Frau zu jener Zeit ein solches Amt ausübte, war das schon eine Ausnahme. Entweder übernahm sie diese Funktion aufgrund besonderer Verdienste oder sie zeichnete sich durch eine besondere Charakterstärke aus. War Petrissa von Lame vielleicht eine Art Jeanne d’Arc im damaligen Nordwald?

Was sagt die bereits erwähnte Urkunde? Vornehmlich geht es um Besitzveränderungen. Die Henneberger Grafen, ein edelfreies Adelsgeschlecht mit Territorien in Thüringen und Franken, verkaufen die Güter in und um Stadtsteinach mit der Burg Nordeck an den Bamberger Bischof Eberhard II. (Regierungszeit 1146 bis 1172). Hier wird ausdrücklich die hennebergische Ministerialin Petrissa von Lame genannt, deren Lehen nicht mit an den Bischof übergeht, sondern bei den Grafen verbleibt.

Ein Sperrriegel

Steckte machtpolitisches Kalkül hinter diesem Zusatz? Um diese Zeit dürfte das gesamte Gebiet zwischen Steinberg und Tschirn als sogenannter Sperrriegel im Besitz einer weltlichen Herrschaft, dem edelfreien Adelsgeschlecht von Steinberg, gewesen sein. Sie besitzen Mitte des zwölften Jahrhunderts in Steinberg, einer der vielen Eingangspforten des Frankenwalds, eine Burg .

Dieser Ansitz wurde vermutlich zur Sicherung des westlichen Besitzstreifens auf dem nördlich gelegenen Bergrücken bis Tschirn und der durch dieses Gebiet führenden Altstraße vom Fränkischen ins Thüringische angelegt. Die Siedlungen Hesselbach, Lahm, Effelter und Tschirn auf dem besagten Höhenrücken sind als Waldhufendörfer um einen Quellanger an kleinen Bacheinrissen angelegt. Sie sind mit Ausnahme von Wilhelmsthal (Gründung im 18. Jahrhundert) ziemlich gleichzeitig entstanden. Man wird also wohl das um die gleiche Zeit wie das hennebergische Lahm erstmals auftretende Geschlecht von Steinberg nebst den Schweinfurter Grafen zu den ersten Ausbausiedlern des Frankenwaldes rechnen dürfen.

Petrissa von Lahm betreut als adelige Dame in Lahm hennebergisches Herrschaftsgebiet. Sie besitzt im Dorf einen Ansitz, der später dann nicht mehr genannt wird und „abgeht“. Der Ansitz ist vielleicht eine kleine Burg , eine sogenannte „Motte“, ein Holz- oder Steinbau mit Wehrturm, mehr oder weniger gut befestigt, vielleicht mit Wall und Wassergraben sowie Zugbrücke umgeben.

Heute gibt es in Lahm tatsächlich noch den Hausnamen Burg sowie Flurnamen, die an jene Zeit erinnern. Von den einstigen drei Dorfweihern ist heute nur noch ein Feuerlöschteich erhalten. Vielleicht befand sich in dem oberen, von mehreren Quellen gespeisten Gewässer die ehemalige Burganlage . Dort führte auch der einstige Handelsweg vorbei.

Einmalige Stellung

Im Jahr 1151 wird mit Petrissa von Lame somit auch das Dorf Lahm erstmals urkundlich erwähnt. Die einmalige Stellung der Ministerialin wird durch ein regional bedeutsames Schriftstück herausgehoben. Knapp zweihundert Jahre später ist noch einmal von einem Burggut die Rede, doch der Ort Lahm ist da selbst schon ganz in bischöflicher Hand mit umfangreichen kirchlichen Besitzungen in der Flur und einem eigenen Pfarrwald.

In Sagen geistern eher männliche Unholde durch die nächtliche Szenerie. Frauen kommen besser weg: Sie belohnen Handwerker und Tagelöhner für ihre geleistete Hilfe. Eine Anspielung an die emanzipierte Petrissa von Lame?