Stockheim  —  Im Frankenwald wird der Mann, der mit seinem schwarzen Anzug und seinem Zylinder regelmäßig ins Haus kommt und den Kamin, Schornstein oder Schlot fegt, nicht Schornsteinfeger, sondern Schlotfeger genannt. Es war aber auch ein beliebtes Gebäck, das mit süßer Schokolade überzogen war und hauptsächlich zur Faschingszeit genascht wurde. Weit mehr ist der Schornsteinfeger bei uns im Volksmund als "Glücksbringer" bekannt. Mit diesem Klischee übte Schornsteinfegermeister Berthold Baier aus Rothenkirchen über 47 Jahre seinen Beruf mit Liebe und Leidenschaft aus. Der bevollmächtigte Bezirksschornsteinfegermeister, der seinen Kehrbezirk zum großen Teil in der Bergwerksgemeinde Stockheim verwaltete, ging zum 31. Dezember in den wohlverdienten Ruhestand.

Lehrjahre in Hof und im Altmühltal

Sein beruflicher Werdegang forderte so manche Entbehrungen schon in der Jugend. Seine Ausbildung absolvierte er nämlich in Hof/Saale, und zur Berufsschule musste er ins 220 Kilometer entfernte Ausbildungszentrum nach Mühlbach ins Altmühltal reisen. Nach einigen Gesellenjahren in Hof/Saale und der Vorbereitung zur Meisterprüfung im Ausbildungszentrum Mühlbach schloss er seine Meisterprüfung 1981 in Bayreuth ab.

Der Weg des Jungmeisters führte im April 1982 nach Sonnefeld, wo er erstmals auch einen Lehrling ausbilden konnte. Nach zehnjähriger Meistertätigkeit im Schornsteinfegerbetrieb Friedrich Übelhack in Sonnefeld bewarb er sich um einen eigenen Kehrbezirk. Die Regierung von Oberfranken bestellte ihn zum Bezirksschornsteinfegermeister im Kehrbezirk Lichtenfels II ab 1. Juni 1992. Sein großer Wunsch, wieder in die Heimat im Landkreis Kronach zu kommen, erfüllte sich am 1. Januar 1994 mit der Zuteilung durch die Regierung Oberfranken, den Kehrbezirk Stockheim zu übernehmen. Hier trug er 27 Jahre die Verantwortung für insgesamt 2400 Anwesen in 15 Orten, die sich auf vier Gemeinden (überwiegend Stockheim und Pressig, sowie geringe Teile auf Mitwitz und der Stadt Kronach ) aufteilten.

25 Jahre lang konnte er dabei auf die zuverlässige Unterstützung seines Mitarbeiters Frank Frauenhofer bauen. Baier konnte in seiner selbstständigen Tätigkeit auch drei Auszubildenden das Rüstzeug zum Schornsteinfeger mitgeben. In einem kleinen Verabschiedungsgespräch erzählt Baier Bürgermeister , Rainer Detsch vom Wandel und den Veränderungen im Berufsbild Schornsteinfeger. Viele Zusatzqualifikationen und ständige Fortbildungen waren notwendig. Als Beispiele nennt er einen Asbestsachkundelehrgang mit Prüfung, Fortbildungen zu Baumaßnahmen und Baurecht und die Prüfung zum Energieberater des Handwerks.

Gibt es besondere Ereignisse, an die sich ein Schlotfeger nach 47 Dienstjahren erinnert? Baier schmunzelt zunächst und erzählt, wie er in Hof/Saale ein Dach eines Verbrauchermarktes betrat und dabei die Alarmanlage auslöste. Auch in Hof/Saale ist es passiert, dass er in einem großen Wohnblock und Geschäftshaus während seiner Arbeiten von einem Mieter versehentlich im Dachboden eingesperrt wurde. Ein ähnliches Missgeschick erlebte er einige Jahre später in Stockheim , als er in einem Geschäft bei Überprüfung der Heizung im Heizungsraum eingeschlossen wurde.

Vögel aus dem Kamin befreit

Als Schornsteinfeger wurde er aber auch zur Rettung von Federvieh, wie Elstern, Tauben und sogar einer Eule, gerufen, um sie aus dem Kamin zu befreien. Oftmals wurde er auch zu Kaminbränden gerufen. Trotz dieser vielfältigen verantwortungsvollen Tätigkeiten bot Berthold Baier auch seine Fähigkeiten und Talente in ehrenamtlichem Engagement den Vereinen an. Er spielte aktiv Fußball beim FC Stockheim und konnte sich in dieser Zeit zweimal über einen Aufstieg in die Bezirksliga freuen. Seit Jahrzehnten ist er im Gesangverein Rothenkirchen aktiver Sänger und in der Faschingsgesellschaft engagierte er sich viele Jahre im Elferrat.

Baier versichert dem Stockheimer Bürgermeister , dass ihm sein Beruf stets viel Freude bereitet habe und er würde jederzeit wieder Schornsteinfeger lernen, wenn er nochmals die Wahl hätte. Große Glücksmomente waren es für Berthold Baier selbst, wenn ihn Straßenpassanten als Glücksbringer kurz mal berühren wollten. Aber auch bei Hochzeiten und hohen Geburtstagen war er gerne als Glücksbringer eingeladen.

Bürgermeister Rainer Detsch dankte dem "Ruheständler" für die vielen Jahre vertrauensvoller und zuverlässiger Tätigkeit in der Gemeinde Stockheim . In über 27 Jahren habe er sich einen guten Ruf erarbeitet und ist ein beliebter Schornsteinfeger gewesen, sagte Detsch.

Er werde wohl keine Langeweile haben, sagte Berthold Baier, denn die Hobbys Skifahren, Wandern und Radfahren werden Sommer wie Winter für Abwechslung sorgen. Außerdem habe er auch noch das Ehrenamt als Jugendschöffe am Jugendschöffengericht angenommen. Weiter ist da noch Enkel Emil, mit dem er viel seiner Freizeit verbringen wird, sagt Baier.