„Die ersten Spuren jüdischen Lebens in Franken weisen immerhin bis ins späte 11. Jahrhundert zurück – über 900 Jahre also“, erklärte der Bezirksheimatpfleger für Oberfranken, Günter Dippold, eingangs seiner hochspannenden Schilderungen. Mehr als 70 Teilnehmer verfolgten an ihren Bildschirmen zu Hause dessen mit vielen Bildern untermalten, bewegenden Online-Vortrag „Aspekte jüdischen Lebens in Franken“. Eindringlich verdeutlichte er dabei, welche Kontrollen und Verbote, Beleidigungen und Diffamierungen Juden schon lange vor der Machtergreifung der Nazis erleiden mussten – und dass es schon im Jahr 1808 um deren „Verminderung“ ging!

„Seit dem 13. Jahrhundert galten Juden hierzulande als Kammerknechte des Königs“, berichtete der Historiker, dass diese stets dessen Schutzes, später auch dessen der Fürsten beziehungsweise anderer Gewalten bedurft hätten. Primär sei dieser Schutz ein Einnahmefaktor gewesen, kostete er doch einmalig, um ihn zu erwerben, und dauerhaft, um ihn zu behalten.

Das Schutzgeld sei nicht die einzige materielle Belastung für die Juden gewesen. Lange Zeit ohne Chance, das Bürgerrecht einer Stadt zu erlangen, trugen sie gemeindliche Lasten mit. „Ihre eigene In­frastruktur finanzierten sie dagegen selbst“, erklärte Dippold. Der örtliche Pfarrer habe gar ein Neujahrsgeld als Entschädigung für entgangene Stolgebühren (Gebühren für bestimmte Amtshandlungen des Geistlichen wie Taufe oder Trauung) verlangt, da für Juden keine Taufen, Trauungen oder Beisetzungen anfielen. An Zollschranken wurde Juden Leibzoll abverlangt – nicht für mitgeführte Waren, sondern für den jüdischen Menschen an sich. Selbst die Leiche, die zum Friedhof getragen wurde, war zu verzollen.

Seit dem frühen 19. Jahrhundert, als der größte Teil Frankens bayerisch wurde, konnten Juden zwar das Bürgerrecht einer Stadt erwerben, blieben in anderen Belangen aber zurückgesetzt. „Ihr Leben wurde bestimmt durch das Judenedikt von 1813“, erklärte der Bezirksheimatpfleger. Dieses umfassende Gesetz eröffnete ihnen etliche Berufe, drängte sie zugleich aber zu Handwerk und Landwirtschaft, ließ ihnen also keine echte Freiheit. Und sie durften sich nur an den Orten niederlassen, wo schon Juden wohnten. So besagte das Judenedikt: „Die Zahl der Judenfamilien an den Orten, wo sie dermal bestehen, darf nicht vermehrt werden. Sie soll vielmehr nach und nach vermindert werden, wenn sie zu groß ist.“

Hinausgebrüllter Judenhass steigerte sich

Mancher Beamter schrieb ihnen nachteilige Charaktereigenschaften zu: Sie seien ungebildet und unsauber. Von der jüdischen Nation sprach der Bamberger Stadtkommissär: „Gleich dem Krebse frißt diese Nation in dem Geblüte der Nation um sich.“ In solchen Äußerungen begegne uns uralte christliche Judenfeindschaft , überhöht durch kühle, aufklärerische Pose. Im späten 19. Jahrhundert geschah dies bereits so ungeniert, dass sich ein Verein zur Abwehr von Antisemitismus bildete. Der hinausgebrüllte Judenhass steigerte sich erheblich nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg. Der Deutsch-Völkische Schutz- und Trutzbund, 1919 in Bamberg gegründet, und andere völkische Verbände hetzten offen gegen Juden . „Am verwerflichsten, leider auch am erfolgreichsten erwies sich die NSDAP “, bedauerte der Volkskundler. Erst einmal an der Macht, setzte sie ihre Haltung in Politik um. Die Nürnberger Gesetze sprachen Juden 1935 wesentliche Bürgerrechte ab. Die offene judenfeindliche Politik gipfelte – vorerst – in der Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938.

Frau vor aller Augen gequält und getötet

In Bamberg wurde der Vorsitzende der Kultusgemeinde, Willy Lessing, erschlagen. In Lichtenfels ein Korbhändler in den Suizid getrieben, eine Frau vor aller Augen gequält und zu Tode gebracht. Überall wurden Geschäfte und Wohnungen geplündert, Synagogen geschändet – die Bamberger angezündet, die Burgkunstadter abgebrochen. Die Menschen sahen sich aus dem Land getrieben, um das bloße Leben zu retten. Juden wurden vollkommen aus dem Wirtschaftsleben verdrängt und vielfach gepiesackt.

Kaum einer kehrte nach der Deportation zurück und nur ein paar Überlebende nach dem Exil. Bestand hatten in Oberfranken lediglich die Gemeinden in Bamberg, Bayreuth und Hof. Noch an sieben Orten findet man heute in ganz Franken organisiertes jüdisches Leben. Lange hatte es Hunderte von Kultusgemeinden gegeben. Vielerorts war der jüdische Bevölkerungsanteil beträchtlich.

„Wenn das Zusammenleben von Juden und Christen stets durch ein Gegeneinander bestimmt scheint, dann ist dies bestenfalls die halbe Wahrheit“, zeigte sich der Bezirksheimatpfleger sicher. Tatsächlich seien die jüdische Minderheit und christliche Mehrheit sogar vielfach aufeinander angewiesen gewesen. Es habe böse Worte und Gewalt gegeben; aber genauso das geräuschlose Nebeneinander, sogar das gute Miteinander.

Dass man heuer nicht bloß gedenke, sondern das Jubiläum „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ feiern könne, sei ein Segen. „Jüdisches Leben hat Franken bereichert und jüdisches Leben bereichert Franken noch immer“, verinnerlichte Dippold.

Eingangs des Vortrags hatten die Leiterin der VHS Kreis Kronach , Annegret Kestler, und die Vorsitzende des Aktionskreises Kronacher Synagoge , Odette Eisenträger-Sarter, die Teilnehmer an den Bildschirmen begrüßt. Auch die beiden weiteren Programmpunkte im Mai erfolgen online. „Wir hoffen jedoch, dass bald wieder persönliche Begegnungen möglich sind“, wünschte sich Kestler für den weiteren Verlauf des Festjahres.

Das bundesweite jüdische Jahr sei deshalb so wichtig, betonte Eisenträger-Sarter, um eine breitere Öffentlichkeit zu erreichen. In Kronach leiste der Aktionskreis zwar seit fast 30 Jahren mit alljährlich über 40 Veranstaltungen ehrenamtliche Gedenkarbeit; die Reichweite sei aber lokal begrenzt. Ihr Dank galt Kestler für das gute Miteinander beim gemeinsam initiierten Festprogramm sowie Sabine Nachtrab von der Koordinierungs- und Fachstelle der Partnerschaft für Demokratie im Landkreis Kronach für die Förderung. Durch diese Unterstützung könne man alle Programmpunkte kostenlos anbieten.

Ludwig Spaenle , Beauftragter der bayerischen Staatsregierung für jüdisches Leben und gegen Antisemitismus , Kronachs Bürgermeisterin Angela Hofmann und Landrat Klaus Löffler dankten in ihren Grußbotschaften für die abwechslungsreiche Veranstaltungsreihe. „Erinnern heißt auch, nach vorne blicken“, zeigte sich Spaenle sicher, nur mit Erinnerungsarbeit dem aktuell wieder mit neuer Stärke entfachten Rassismus begegnen zu können.

Bei einem Blick in die Geschichte jüdischen Lebens bleibe man zwangläufig in der Nazi-Diktatur hängen, die grenzenloses Leid auch über viele jüdische Kronacher Familien gebracht habe, sagte die Bürgermeisterin. Eindringlich sei ihr noch die in der Kronacher Synagoge gezeigte Ausstellung über das Schicksal der Familie Bamberger in Erinnerung. Besonders beeindruckt habe sie dabei, dass deren Nachfahren keinerlei Rachegefühle oder Hass empfänden. Größten Respekt zollte sie dem rührigen Aktionskreis, der seit 1992 die Geschichte lebendig erhalte, Verständnis fördere und so zu einem friedlichen Miteinander beitrage.

„Traurige Wahrheit ist, dass der Antisemitismus nicht mit dem Ende vom Holocaust aus Deutschland verschwunden ist“, appellierte der Landrat , diesen Entwicklungen mit aller Kraft entgegenzutreten.

Die stimmungsvolle Umrahmung des Abends oblag Ulrike Maria Gossel (Cello) und Walter Gossel (Klarinette), die feinfühlig musizierten.

Die nächsten Veranstaltungen

In der Veranstaltungsreihe zum Festjahr im Landkreis Kronach finden im Mai zwei weitere Veranstaltungen statt: am heutigen Donnerstag ab 18 Uhr die Lesung „Verbrannte Dichter“ (online) zum Gedenken an die Bücherverbrennungen mit Armin Grötzner, Gisela Lang, Odette Eisenträger-Sarter, Gisela Gülpen und Ingo Cesaro und am Freitag, 14. Mai, ab 19 Uhr die Buchvorstellung „Aus der Geschichte der Juden in Mitwitz“ (online) durch Heinz Köhler , der sein im vergangenen Jahr erschienenes Buch vorstellt, in dem er die Spuren jüdischen Lebens in der Gemeinde Mitwitz nachzeichnet.