Die Bäume haben ihr Laub verloren, und in den kahlen Kronen sieht man jetzt grüne, rätselhafte Kugeln: Misteln. Zu Weihnachten wird die immergrüne Pflanze gerne zur Dekoration verwendet, aber auch in der Medizin findet sie erfolgreich Anwendung. Für Vögel ist die Mistel eine wichtige Nahrungsquelle im Winter, wie aus einer Mitteilung des Bundes Naturschutz (BN) hervorgeht.

In der grauen Winterzeit sind die immergrünen Mistelzweige besonders für Dekorationszwecke beliebt. Im Haus aufgehängt, sollen sie nach alter Überlieferung vor bösen Geistern und Feuer schützen. Einst galten Misteln als Zeichen der Götter und Symbol von Weisheit und Frieden. Plinius der Ältere beschreibt, dass sie bei den Galliern nur von Druiden mit goldenen Sicheln gesammelt wurden.

„Heute dürfen Misteln für den Eigengebrauch gepflückt werden. Aber nur in kleinen Mengen und außerhalb von Schutz- und Privatflächen auf öffentlich zugänglichen Bereichen. Der Baum darf dabei selbstverständlich nicht beschädigt werden. Wer Misteln verkaufen möchte, benötigt eine Genehmigung“, erklärt Christine Neubauer , die Zweite Vorsitzende der Kreisgruppe Kronach im Bund Naturschutz.

Heilende Wirkung

Neben ihrer kulturellen Bedeutung werden Misteln für ihre heilende Wirkung geschätzt und in der Medizin für alternative und ergänzende Therapien eingesetzt. Die Pflanzeninhaltsstoffe, besonders das Mistellektin und das Viscotoxin, wirken positiv auf das Immunsystem und werden seit einigen Jahren in der Krebstherapie verwendet. 2003 wurde die Mistel deshalb sogar zur Heilpflanze des Jahres gekürt.

Misteln wachsen mit ihren Wurzeln auf Bäumen und gelten als Halbschmarotzer. Die Mistel bohrt ihre Wurzeln in die Leitungsbahnen der Bäume und entzieht ihnen so Wasser und gelöste Nährsalze. Trotzdem kann die Pflanze selbst Fotosynthese betreiben und somit einen Teil ihrer Nahrung herstellen. Mit zunehmender Größe und Alter entzieht die Mistel ihrer Wirtspflanze immer mehr Nährstoffe, so dass die Astbereiche oberhalb des Mistelbusches nicht mehr ausreichend versorgt werden können und dürr werden. Aber: „Ohne Baum kann die Mistel nicht überleben. Aus diesem Grund hat die bis zu 70 Jahre alt werdende Pflanze auch kein Interesse daran, ihre Wirte großflächig zu töten“, erklärt Christine Neubauer weiter.

Die sehr klebrigen weißen Mistelbeeren reifen im Winter und werden nahezu ausschließlich durch Vögel wie zum Beispiel Mistel- und Wacholderdrossel oder durch exotische Wintergäste wie den Seidenschwanz verbreitet. Die Tiere schlucken die Beeren im Ganzen hinunter; dadurch bleibt der Mistelsamen unverletzt und wird im Vogelkot wieder ausgeschieden.

Bei manchen Vogelarten , die nur das Fruchtfleisch fressen, bleibt der Samen am Schnabel kleben. Durch Putzversuche gelangt er dann zufällig an die Wirtsbäume und kann dort keimen. Die nährstoffreichen und süßen Beeren sind damit eine höchst attraktive Winternahrung für Vögel.

Seit einigen Jahren ist ein vermehrtes Auftreten der wärmeliebenden Mistel an Kiefern und Streuobstbeständen erkennbar, was laut Bund Naturschutz auf die Klimaerwärmung zurückgeführt wird. Streuobstbestände sind aufgrund ihrer Artenvielfalt von hoher ökologischer Bedeutung. Das stellenweise massive Auftreten von Misteln an alten Apfelbäumen ist in erster Linie jedoch Folge einer Überalterung der Obstbestände und fehlender Pflege durch regelmäßige Obstbaumschnitte. Hintergrund ist der hohe Arbeitsaufwand und das Wegbrechen von landwirtschaftlichen Betrieben und Obstbauern. „Umso wichtiger sind daher bessere staatliche Förderprogramme für die artenreichen Streuobstwiesen, die ja glücklicherweise mit der Unterzeichnung des auch vom BN mitverhandelten Streuobstpaktes Mitte Oktober in die Wege geleitet wurden. Außerdem brauchen wir Neupflanzungen junger Bäume und engagierte Bürgerinnen und Bürger, die sich für die landschaftsprägenden Obstbaumgürtel einsetzen“, fordert die Zweite Vorsitzende der Bund-Naturschutz-Kreisgruppe. red