Heike Schülein

Kaum ein Fuß blieb still. Mit verträumtem Lächeln und sicherlich auch manch unterdrückter Tanzlust wippte es am Sonntagabend in der Christuskirche. Zum Reformationstag beschäftigte sich Jens-Eike Günther – neuer Bildungsreferent des evangelischen Bildungswerks Oberfranken West für die Dekanatsbezirke Kronach , Ludwigsstadt und Michelau – mit dem Phänomen Blues . Anschaulich ging er dabei den Weg von den schwarzen Wurzeln des Blues zum universalen Kampf des modernen Menschen nach – mit vielen interessanten Informationen und jeder Menge mitreißender Musik.

Die Wurzeln

„Im Blues erzählen Menschen von ihren Schwierigkeiten im Leben, um sie damit zu überwinden“, erklärte Jens-Eike Günther. Den „einen“ Blues gebe es nicht; vielmehr habe dieser sehr viele Gestaltungsformen. Auch die Anfänge seien nicht genau definierbar. Spuren gingen bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts zurück; der Grund für die Entstehung jedoch viel weiter – bis in das Jahr 1619, als die ersten afrikanischen Sklaven Amerika erreichten. Gerade der südliche Teil der heutigen USA holte den Angaben des Referenten zufolge besonders viele Afrikaner auf die großen Baumwollplantagen, um sie als billige Arbeitskräfte auszunutzen.

„Diese Zeit steht für mich insbesondere für Entmenschlichung und Entwurzelung“, verinnerlichte der Bildungsreferent. Die Sklaven seien lediglich als Gegenstand für die Feldarbeit betrachtet worden – in einem für sie neuen Land, in einer anderen Gesellschaft, in der sie keinen Platz gehabt hätten. Um ihre schwere Arbeit etwas zu erleichtern, sangen sie laut Günther sehr an der Sprache orientierte „Worksongs“. Den Rhythmus habe die Arbeit vorgegeben, die Folge immer gleicher Bewegungen. Meistens gab es einen Vorsänger und die anderen sangen nach, so der Redner . Als Beispiel bezeichnete Günther den „Field Holler“, in dem langgezogene Verständigungsrufe der Arbeiter auf den Feldern („Fields“) die Melodie bestimmen.

Der wehmütigen Stimmung verdanke die Musikrichtung ihren Namen: Wer sich „blue“ („blau“) fühle, sei traurig oder melancholisch. Von den Worksongs habe sich aber nicht nur der pessimistische Blues abgeleitet, sondern auch die eher optimistischen geistlichen Spirituals und Gospelsongs mit ihren biblischen Inhalten.

Black Music

Geprägt wurde die Entwicklung des Blues laut Günther nicht zuletzt durch den Umstand, dass sich mit der Aufhebung der Sklaverei die unmittelbaren Lebensbedingungen der afroamerikanischen Bevölkerung in den USA kaum veränderten. 1865 endete zwar der amerikanische Bürgerkrieg und mit ihm offiziell die Sklaverei in allen US-Bundesstaaten. Doch viele Afroamerikaner hatten noch lange danach nicht die gleichen Rechte wie Weiße, wie der Bildungsreferent weiter schilderte. Der größte Teil von ihnen habe weiter auf den Plantagen gelebt. Nun hätten sie jedoch Lohn für ihre Arbeit erhalten. Wer konnte, habe sich ein Musikinstrument gekauft. Laut Günther entstand eine Szene für Black Music .

Die Musiker entwickelten die einfachen Arbeiterlieder weiter und strickten populäre Songs daraus. Die Black Music wurde unter den Weißen salonfähig. Während der Country Blues mit sparsamer Besetzung erklang und der Gesang eher ruhig und klagend war, passte man beim City-Blues die Instrumente an die Lebensbedingungen der Großstädte mit einer elektrischen Verstärkung und auch mit einem schrilleren und lauteren Gesang an.

„Der Blues hat sehr viele Einflüsse auf die Musik von heute“, bekundete der Bildungsreferent, dass Soul, Jazz, Funk und auch zu Teilen die Rockmusik in ihm ihren Ursprung haben. Insgesamt sei er außerordentlich formenreich und keinesfalls auf seine zwölftaktige Standardform festzuschreiben. Ein Beispiel dafür sei der „St.-Louis-Blues“, aufgebaut auf der Kombination von zwölf- und sechzehntaktiger Grundform.

Der Song von William Christopher Handy aus dem Jahr 1914 war an dem Abend ebenso zu hören wie unter anderem auch „John the Revelater“ von Son House (1965), Muddy Waters ’ „I Feel Like Going Home“ (1948) sowie Stücke der Sängerinnen Manie Smith und der „Kaiserin des Blues “, Bessie Smith, spielten doch seit den 20er Jahren auch Frauen eine wichtige Rolle im Blues , wie der Redner erläuterte. Zu Ehren kam auch Robert Johnson . Der Bluesmusiker konnte so gut Gitarre spielen, dass man zu seinen Lebzeiten sagte, er habe seine Seele an den Teufel verkauft, der ihm dafür sein Talent für die Gitarre gab.

Unterhaltsam und klangvoll

Begeistert von dem sehr unterhaltsamen klangvollen Vortrag zeigte sich Dekanin Ulrike Schorn. Bewusst habe man den Reformationstag einmal mit einem ganz anderen Thema feiern wollen, sagte sie. Auch Blues sei „Kirche“, bringe er doch das zum Ausdruck, was man am Reformationstag feiere: die Gnade Gottes.