Leiden - Sterben - Auferstehung. Die Leidensgeschichte von Jesus Christus ist ein Fundamentstein der christlichen Lehre. Um dem Volk das Martyrium des Herrn möglichst nahezubringen, hat man seinen Leidensweg im deutschsprachigen Raum in der Regel in sieben oder 14 Bildern zusammengefasst. Nahezu alle katholischen Kirchen sind deshalb mit Kreuzwegtafeln ausgestattet, die chronologisch das Geschehen schildern. Man muss weder schreiben noch lesen können, um die Qualen Christi anhand der Bilder nachempfinden zu können. Die Qualität der Ausführung tritt dabei in den Hintergrund, denn es geht nicht um die Schönheit der Malereien, sondern um die Inhalte, die dem Kirchenbesucher vermittelt werden sollen.

In der freien Landschaft war man gezwungen, für die Darstellungen einen anderen Weg zu wählen. Hier wird das Leiden Christi durch einzelne Stationen dargestellt. Dabei variiert die Art des verwendeten Materials: Es gibt Kreuzwege in Holz geschnitzt ebenso wie aus Eisen gegossen oder kunstvoll in Stein gemeißelt. Dem Gläubigen ist dadurch die Möglichkeit gegeben, in freier Natur die einzelnen Stationen im Gebet abzuschreiten, in Anlehnung an den Kreuzweg in Jerusalem, an die "Via Dolorosa".

Aus Granitstein gemeißelt

Eine besondere Formensprache für die Passion Christi findet man in der Bretagne (Frankreich). Unter freiem Himmel wird hier durch eine beeindruckende Anzahl an Einzelfiguren die gesamte Lebens- und Leidensgeschichte Christi gezeigt. Übergangslos aneinandergereiht türmen sich die aus Granitstein gemeißelten Figuren zum Kalvarienberg (Calvaire) auf, aus dessen Zentrum heraus sich das Kreuz erhebt.

Häufig ist der Kreuzstamm als Lebensbaum gearbeitet, worauf die Astansätze am Stamm einen Hinweis geben. Die Anordnung der archaisch anmutenden Figuren geschieht dabei auf unterschiedlichen Ebenen. Unweigerlich wird der Betrachter an eine lange Prozession erinnert, die die Leidensgeschichte begreifbar macht. Er selbst wird Teilnehmer an dieser Prozession, indem er in Betrachtung das religiöse Denkmal umschreitet.

Ein Rätsel ist es bis heute, was die Auftraggeber damals dazu bewegte, diese außergewöhnliche Darstellungsform zu wählen. Waren sie beeinflusst von den beeindruckenden Mysterienspielen, die auf den Vorplätzen der Kirchen einstmals aufführt wurden, oder folgte man den Vorgaben der Pfarrherrn?

Wie dem auch sei: Den Steinmetzen ist es meisterhaft gelungen, in der Gesamtschau ihrer Werke sogenannte Armenbibeln (biblia pauperum) für das Volk zu schaffen, die für jedermann zugänglich und verständlich waren. Mit der Umrundung eines Calvaire konnte das gläubige Volk das Leiden und Sterben Christi bis hin zur Auferstehung nachempfinden.

Figuren mit derben Zügen

Bei genauer Betrachtung wird man bemerken, dass das harte Gestein den Steinmetzen gewisse Grenzen aufzeigte, weshalb die archaisch wirkenden Figuren derbe Züge tragen. Als Besucher kann man sich des Gefühls nicht erwehren, dass hier vor 400 Jahren die bäuerliche Bevölkerung Pate gestanden hat. Gewöhnliche Bauersleute, wohlhabende Bürger und Landsknechte sind ebenso im Stein verewigt wie Teufelsfratzen. Es ist die bäuerlich naive Kunst, in deren Bann man verfällt, je länger man das Gesamtwerk betrachtet.

Dass es auch Rivalitäten unter den Kirchengemeinden in Form von Größe und Ausstattung ihrer Kirchenbezirke gab, dafür stehen die beiden Orte St. Thégonnec und Guimiliau, südlich von Morlaix. Beide traten um 1581 in einen über Jahrzehnte dauernden Wettstreit, wer wohl der prunkvollere Pfarrbezirk von beiden sei. Turmbau, Beinhaus, Vorhalle, Taufbecken, Kanzel, Ambo, dazu kunstvoll geschnitzte Beichtstühle und Calvaires sind dieser Zeit zu verdanken.

Gegenseitig überboten

Alle Rivalität begann damit, dass das kleinere Guimiliau seinen beeindruckenden Calvaire erbauen ließ. Als Gegenreaktion stattete der größere Ort St. Thégonnec seinen Kirchenbezirk mit einer monumentalen Eingangspforte aus.

Dieses Konkurrieren setzte sich in der Kirchenausstattung fort und führte schließlich zur Erbauung des Calvaire in St. Thégonnec. Auch wenn dieser nicht die gewaltigen Ausmaße und die vielen Figuren der Nachbargemeinde aufweisen konnte, so wartete er dennoch mit einer Besonderheit auf: Drei hohe Säulen überragen die auf einer Ebene stehenden Figurengruppen. In der Mitte ist, meisterhaft gestaltet, Christus am Kreuz dargestellt, umgeben von etlichen Assistenzfiguren. Auf den Säulen rechts und links vom Kreuz befinden sich als Besonderheit die Kreuze mit den Schächern, die mit Christus gerichtet wurden. Mit diesem Bild wird das Geschehen auf Golgatha bibelgetreu wiedergegeben.

Eine glückliche Fügung

Für die nachkommenden Generationen war diese Rivalität der beiden Kirchengemeinden eine glückliche Fügung, denn heute bestaunen viele Besucher die kulturellen Schätze in den Gotteshäusern, dazu die Kirchenbezirke und die beeindruckenden Calvaires.

Die Bretagne ist reich mit historischen Kulturgütern ausgestattet, was jeder Interessierte bestätigen wird. Wer diese gastfreundliche Region Frankreichs bereist und dazu die herbe Landschaft und die regionale Kulinarik genießen darf, bei dem stellt sich unweigerlich jenes Glücksgefühl und der Wunsch ein, diesen herrlichen Landstrich noch einmal zu besuchen.