Kronach —  In kleinen Häufchen sitzt der Same des Farnes an der Unterseite der Blätter. Sporen nennt ihn der Botaniker, da er ohne Blüten entsteht. Dieser seltsame Vorgang, für den unsere Vorfahren wenig Verständnis hatten, umgab das Farnkraut mit einem unergründlichen Dunkel und man schrieb den Samen wundersame Kräfte zu. Legte man ein Körnchen in jeden Schuh, so machte er einen unsichtbar, wie es in alten Zeiten nur die Tarnkappen vermochten. Man konnte dann sogar die Sprache der Tiere verstehen und erhielt solche Kräfte, dass man befähigt war, Arbeiten zu verrichten, die für gewöhnliche Sterbliche unausführbar waren.

Erzählt wird die Geschichte von einem Webergesellen aus der Thiemitz, der von diesen Kräften gehört hatte und sie erprobt haben soll. Er war keiner von den Fleißigen und Soliden. Nur an einem Tag in der Woche ging er seinem Handwerk nach. An den anderen aber pflegte er nichts weiter zu tun, als zu schlafen, zu spielen und im Wirtshaus kräftig einen "zur Brust zu nehmen". Und doch war sein Wochenlohn weit höher als der seiner fleißigen Mitgesellen.

An einem Arbeitstag webte er mehr Tuch als die anderen in der ganze Woche. Und außerdem war die Qualität viel besser und schöner als die seiner Kollegen. Wie es sich erst später herausstellte, kam das von dem Farnsamen, den er in einer Vollmondnacht vom Leibhaftigen persönlich zugesteckt bekam. Dafür musste er ihm versprechen, nie mehr in die Kirche zu gehen.

Als er aber an einem normalen Werktag am Gotteshaus zu Bernstein vorbeiging, wunderte er sich über die vielen Leute in der Kirche. Neugierig geworden, stellte er sein Leintuch, das er heute schon gewebt hatte und wohl hundert Ellen lang war, vor dem Portal ab, um einen Blick in die Kirche zu werfen. Doch als er wieder herauskam, war alles Tuch in Garn zurückverwandelt. Zu spät erkannte er, dass man selbst ein dem Teufel gegebenes Versprechen halten muss. Seine übernatürlichen Kräfte waren von nun an dahin und ihm blieb nichts anderes übrig, von nun an genau so hart zu arbeiten wie all die anderen, um sein Brot zu verdienen.Ein wohlhabender Bauer, dessen Anwesen hoch über der Loquitz stand, erfuhr die Kraft des Samens, ohne dass er es wollte. Ihm war sein Füllen entlaufen und er machte sich auf, es im nahen Wald zu suchen. Dort begegnete ihm sein Nachbar. "Guten Abend!", grüßte er ihn. Der aber schrie vor Entsetzen auf, hörte er doch den Gruß, sah aber niemanden.

Als die Stiefel fliegen ...

Im Weitergehen kam ihm seine Base entgegen. "Ei, Marie, wohin noch so spät?", fragte er. "Alle guten Geister loben Gott, den Herrn!", kreischte diese und lief so rasch sie konnte davon. Da es bereits dunkel wurde, brach der Bauer die Suche ab und ging verärgert heim. Als er über den Hof schritt, merkte er, dass die Knechte und Mägde seiner nicht achteten und ohne Gruß an ihm vorübereilten. Er trat in die Stube, in der seine Familie versammelt war und schimpfte über den Misserfolg wie ein Rohrspatz. Da erschraken alle, weil sie seine Stimme hörten, ohne ihn zu sehen. Eine seiner Töchter fragte: "Wer ist denn da? Vater bist du es? Warum versteckst du dich?" Jetzt wurde der Bauer zornig. Grimmig zog er seine Stiefel aus und schleuderte sie in die Ecke. Da erst konnten ihn seine Leute sehen. Jetzt wurde ihm klar, wie das alles kommen konnte: Als er durch den Wald lief, waren ihm Farnsamen in die Schuhe gefallen und hatten ihn unsichtbar gemacht.

Auch eine Dienstmagd, die mit Farnsamen in den Schuhen eine Gänseherde im lieblichen Tal des Fischbachs hütete, hatte dessen Wirkung erfahren. Sie hat nicht nur das Geschnatter des Federviehs gehört, sondern auch die Bedeutung Wort für Wort verstanden und sich nicht wenig gewundert über all die seltsamen Geschichten, die sie da vernommen hat. Daheim erzählte sie davon. Auch der Herr Pfarrer war neugierig geworden ob dieses rätselhaften Vorfalles und ließ die Maid zu sich rufen. Weil es sich aber nicht gehört, in den schmutzigen Feldschuhen im Pfarrhaus zu erscheinen, zog die Dienstmagd ihre Sonntagsschuhe an. Doch als sie damit den Hochwürden besuchte, stand sie plötzlich da wie ein begossener Pudel. Kein Wort mehr wusste das Mädchen von dem, was die Gänse geschnattert hatten. Als Großmaul und Wichtigtuerin musste sie gründlichen Spott und Hohn über sich ergehen lassen. Einem Fuhrmann hatte der Beelzebub einst Farnsamen auf dem Kirchbühl, nahe der Radspitze, verschafft. Den sollte er dauernd bei sich tragen. Dann konnte er fahren, wie und wo er wollte. Seine Pferde zogen fortan Karren mit ungeheueren Lasten, als seien sie leer. Die steilsten Abhänge sauste sein Gefährt hinab, ohne dass ein Rad brach, die gefährlichsten Höhen fuhr er hinan, ohne dass seine Tiere müde wurden. Durch sumpfiges Gelände kutschierte er, als wäre es feste Straße. Einmal brachte er bei aufziehendem Gewitter eine Fuhre Heu zu einer Feldscheune auf die Markgräfliche Höhe. Da niemand beim Abladen zur Hand war, fuhr er mit dem Gespann die Treppe hinauf zum Heuboden. Doch als er wieder herunter wollte, verlor er den Schuh, in dem der Farnsamen war. Die Stiege stürzte zusammen, Ross und Wagen krachten in die Tiefe, der Fuhrmann aber brach sich das Genick.

Der Teufel, wie man ihn aus alten Erzählungen her kennt, hat sich in diesen unsicheren Zeiten vorsichtshalber in sein Schattenreich verkrochen. Sich von ihm Farnsamen beschaffen zu wollen, wäre heute viel zu kompliziert. Die Samenkörner aber selbst im Wald zu sammeln, verlangt viel Fingerspitzengefühl. Die Reife in der Geisterstunde der Johannisnacht vollzieht sich nämlich "aus heiterem Himmel" und der Samen ist nur dann wirksam, wenn er aufgefangen wird, bevor er den Boden berührt. Wer trotzdem an seine Kraft glaubt und ein paar Körnchen besitzen will, mag versuchen, sie zur rechten Zeit im richtigen Moment zu erhaschen.