Besonders die katholische Eucharistiefeier mit möglichem Kommunionempfang ist mit den notwendigen Schutzmaßnahmen schwer vorstellbar. Wir baten den Bamberger Liturgiewissenschaftler und Domkapitular Peter Wünsche, Leiter des Seelsorgeamtes im Erzbischöflichen Ordinariat, um seine Einschätzung.

Vielen Gottesdienstbesuchern werden die geradezu klinischen Hygienevorschriften fremd vorkommen. Wie können sie dennoch das sakrale Geschehen mitvollziehen?

Peter Wünsche: Die Situation ist neu und völlig unvertraut. Wieweit es den Beteiligten gelingt, über die außergewöhnlichen Bedingungen ein Stück weit hinwegzusehen, wie sie erfahren zu können, dass ja der Kern des Geschehens unverändert ist, nämlich Gemeinschaft mit dem gekreuzigten und auferstandenen Christus zu finden: Das kann man von vornherein kaum vorhersagen. Grundsätzlich halte ich das für möglich; ganz leicht ist es nicht.

Gerade der Kommunionempfang wird durch Mund- und Nasenschutz, Handschuhe beeinträchtigt. Wie kann trotzdem die "Heiligkeit des Augenblicks" erfahrbar bleiben?

Vielleicht gerade dadurch, dass es eben nicht nur um den Augenblick des Empfangs geht, sondern um die ganze Feier der Messe. Es ist die Feier des Lebens, des Todes und der Auferstehung Jesu Christi, die im Wortteil der Feier verkündet werden, für die im Hochgebet gedankt wird und die dann im Empfang der Kommunion mitvollzogen werden. Wenn der nach außen seltsam verfremdete Augenblick des Empfangs eingebunden ist in das Gesamtgeschehen, kann da schon ein Gespür für Heiligkeit aufkommen.

Könnte die Möglichkeit der geistigen Kommunion eine Alternative für diejenigen sein, die den realen Empfang unter diesen Umständen ablehnen?

Der Empfang des geheiligten Brots und Weins ist eine Form der Gemeinschaft mit Christus, nach katholischer Auffassung die intensivste, aber nicht die einzige. ,Geistige Kommunion‘ meint das Einswerden mit Christus ,im Geist‘, beispielsweise durch das Hören seiner Worte, durch Lobpreis, Dank und Bitte, durch Sehnsucht nach dem geheiligten Brot, die aus verschiedenen Gründen jetzt nicht erfüllbar ist, aber auch durch gelebte Nachfolge in Liebe, Umkehr und Vergebung. Auf vielfältige Weise kommt ein glaubender Mensch zur Communio, zur Gemeinschaft mit Christus, auch wenn jetzt gerade keine Kommunion in Brot- und Weingestalt möglich ist, sei es wegen äußerer Gründe oder auch eigener gesundheitlicher Bedenken, die legitim sind.

Bietet der liturgische Neustart nach langer Durststrecke nicht auch Chancen der Wiederentdeckung?

Das wird die Zukunft zeigen. Die jetzt möglichen Formen sind eindeutig Notformen, sind Kompromisse, sind Grenzfälle, die uns durch die rätselhafte Krankheit aufgezwungen sind. Ein wirklicher Neustart ist für mich erst möglich, wenn wir die Eucharistie wieder auch nach außen hin als österliches Festmahl begehen können. Möglicherweise haben wir dann schmerzvoll und intensiv dazugelernt, was uns in dieser Zeit fehlt. Aber dazu braucht es wohl noch sehr viel Geduld. Das Interview führte Marion Krüger-Hundrup.