Stephan Herbert Fuchs Mit einer hochkarätigen Veranstaltung hat sich der Kulmbacher Freundeskreis der Evangelischen Akademie Tutzing nach einem halben Jahr Corona-Pause zurückgemeldet. Mit dem evangelischen Dekanatskantor Christian Reitenspieß und dem katholischen Regionalkantor Wolfgang Trottmann hatte Bernd Matthes vom Freundeskreis die beiden namhaftesten Kirchenmusiker aus der Region eingeladen.

In rund zweieinhalb Stunden spannten beide einen weiten kirchenmusikalischen Bogen von der Gregorianik bis hin zu Pop, Rock und Jazz, stellten dabei die wichtigsten Vertreter der jeweiligen Epochen vor und präsentierten immer wieder auch Hörbeispiele und Lieder zum Mitsingen, natürlich nur mit Maske.

Christian Reitenspieß zog am Ende ein erstaunliches Fazit: In der Musik seien beide Konfessionen längst näher beieinander als in Glaubensfragen. "Wir erleben auf dem Gebiet der Musik ein Zusammenwachsen der Glaubensrichtungen", sagte er. Konfessionen spielten dabei keine große Rolle mehr.

Renaissance der Romantik

Es gebe allerdings einen Zwiespalt zwischen Tradition und Innovation. Das sei aber wahrscheinlich ein ganz normaler Zustand der Kirche und vielleicht auch der gesamten Menschheit. Positiv merkte Reitenspieß an, dass die Kirchenmusik aktuell von einer stilistischen Vielfalt wie nie zuvor geprägt sei. Man erlebe die verschiedensten Strömungen, ganz alte und ganz neue Musik, eine Renaissance der Romantik. Eine größere Entfaltung habe es speziell in der evangelischen Kirchenmusik noch nie gegeben.

Auch sein katholischer Kollege Wolfgang Trottmann, der an der Hauptkirche "Unsere Liebe Frau" als Organist und Kantor tätig ist, sah die gegenwärtige Situation positiv. Immer wieder meldeten sich freilich auch kritische Stimmen zu Wort, wenn es um Jazz, Schlager, Pop- und Rockmusik in der Kirche und im Gottesdienst geht. "Solche Warnungen sind so alt wie die Kirchenmusik selbst", sagte Trottmann. Als herausragende Beispiele der jüngeren Zeit nannte er Andrew Lloyd Webbers Rock-Oper "Jesus Christ Superstar" und dessen Musical "Joseph and the Amazing Technicolor Dreamcoat".

Den Gang durch die Geschichte der Kirchenmusik startete Trottmann allerdings beim Gregorianischen Choral, der, wie er es nannte, ältesten lebendig gebliebenen musikalischen Kunstform.

Erste Formen der Mehrstimmigkeit machte Reitenspieß ab dem 13 Jahrhundert fest. Für das neue geistliche Lied sorgte dann Anfang des 16. Jahrhunderts Martin Luther. Reitenspieß nannte ihn einen "Technik-Freak", weil er alle zur Verfügung stehenden Mittel wie Druckerpresse oder Flugblätter nutzte, um das Lied als strategisches Mittel zu nutzen. So sei Luther auch zum "Liedermacher seiner Zeit" geworden, dem die Menschen seine neuen Gesänge teilweise aus den Händen gerissen hätten.

Herausragende Persönlichkeit

Eine herausragende Persönlichkeit, die auf katholischer Seite die Kirchenmusik in der Folge der Reformation entscheidend beeinflusst hatte, nannte Trottmann den italienischen Komponisten Giovanni Pierluigi da Palestrina. Er nehme mit 104 komponierten Messen, 375 Motetten sowie vielen weiteren Madrigalen und liturgischen Texten einen ganz hohen Rang in der katholischen Kirchenmusik ein.

Auf evangelischer Seite folgte als bedeutender protestantischer Kirchenmusiker seiner Zeit Heinrich Schütz, von dem im aktuellen evangelischen Gesangbuch noch immer zwei Lieder zu finden sind. Reitenspieß nannte Schütz den musikgeschichtlich ersten wichtigen Vertreter des musikalischen Barock auf deutschen Boden.

Schließlich stellte Christian Reitenspieß auch den "musikalischen Superlativ" Johann Sebastian Bach vor. Kein anderer Komponist habe die Musikgeschichte derart beeinflusst, kein anderer Komponist stehe derart für Kirchenmusik. Reitenspieß stellte aber auch eine andere Seite von Bach vor. Zu Lebzeiten sei er gar nicht so berühmt gewesen, habe als rückwärtsgewandt und als "aus der Zeit gefallen" gegolten. Das Interesse an Bach sei nach dessen Tod relativ gering gewesen, bis Felix Mendelssohn Bartholdy 100 Jahre später die Matthäuspassion aufführte und die Bach-Renaissance einleitete.

Zwei interessante lokalhistorische Bezüge stellte Wolfgang Trottmann her: Er berichtete von dem 1607 in Kulmbach geborenen Komponisten und Organisten Theophil Staden, der beim historischen Friedensmahl in Nürnberg zum Ende des Dreißigjährigen Krieges seine Friedensgesänge uraufführte. Zudem nannte er den in Kulmbach verstorbenen Matthias Tretzscher. Er war Hoforgelbauer des Markgrafen Christian von Brandenburg-Bayreuth, Ratsherr in Kulmbach und 1684 Gotteshausvorsteher. Tretzscher sei der bedeutendste fränkische Orgelbauer seiner Zeit gewesen.