Gelegenheit macht wohl doch Diebe: Als eine 69-jährige Frau während ihrer Zugreise von Hannover nach Bamberg am 25. März des vergangenen Jahres einnickte, machte sich ihr Rollkoffer selbstständig und rollte durch das Abteil. Die Gunst des Augenblicks nutzten zwei Männer, die in dem Zugabteil mitreisten. Sie schnappten sich den damenlosen Koffer und verließen den Zug in Haßfurt.
Die Seniorin, die sich ein schönes Wochenende in Bamberg machen wollte, erschrak, als sie den Verlust ihres Koffers bemerkte. Sie informierte den Schaffner, der sofort die Polizei einschaltete, die wenig Mühe hatte, die Diebe ausfindig zu machen. Denn die Überwachungskamera im Zugabteil hatte gute Aufnahmen von der Tat und den polizeibekannten Dieben gemacht. Zudem hatten zwei Augenzeugen die Langfinger mit dem Koffer beobachtet.
Jetzt mussten die beiden vorbestraften Männer auf der Anklagebank des Amtsgerichts in Haßfurt Platz nehmen. Den Beschuldigten drohten Haftstrafen. Denn beide standen zum Tatzeitpunkt unter offener Bewährung. So wundert es nicht, dass beide durch ihre Anwälte verlauten ließen, dass es sich um einen "spontanen Entschluss" und eine "fixe Idee" handelte, als sie den Koffer stahlen.
Keineswegs hätten sie dies im voraus beabsichtigt und damit "gewerbsmäßig" gehandelt, wie dies die Staatsanwaltschaft ihnen vorwarf.
Noch im Gerichtssaal gab Rechtsanwalt Alexander Wessel der Seniorin ihren Koffer samt Inhalt im Wert von rund 1880 Euro zurück. Die Diebe hatten 280 Euro Bargeld und zwei Ohrringe aus dem Koffer entnommen, die sie der Dame erstatteten. Mit der Tat betraten die beiden 34 und 31 Jahre alten Angeklagten aus dem Landkreis Haßberge "Neuland": Bislang standen nur Verkehrs- und Rauschgiftdelikte sowie Sachbeschädigung in ihren Sündenregistern mit drei beziehungsweise fünf Eintragungen.
Zum Tatzeitpunkt standen sie zwar unter Bewährung, allerdings nicht einschlägig. Zudem sammelten sie mit dem Täter-Opfer-Ausgleich bei der Staatsanwältin Pluspunkte, was beide vor einem Knastaufenthalt bewahrte.
Die Anklagevertreterin forderte in ihrem Plädoyer für die beiden Bewährungsversager eine sechsmonatige Bewährungsstrafe. Die Verteidiger hielten drei Monate auf Bewährung für ausreichend.


Privatsphäre wurde verletzt

Die Vorsitzende, Richterin Ilona Conver, verhängte eine Bewährungsstrafe von vier Monaten für beide Angeklagte, plus jeweils 60 Arbeitsstunden. Bei der Tat handle es sich um "eine saublöde, spontane Idee", mit der sie auch die Privatsphäre der Seniorin verletzt hätten. Das Bundeszentralregister zeige, dass sich die Verurteilten nicht an Regeln halten. Dennoch wirkten sie reuig, sagte die Richterin. Das Urteil ist rechtskräftig.