Es kommt nicht oft vor, dass ein Angeklagter die Chance auf eine zweite Chance erhält. In einem Betrugsprozess am Amtsgericht sollte dies am Dienstag geschehen. Bei dem Prozess, in dem Rechtsanwalt Manfred Glöckner Parallelen zu Zuckmayers "Hauptmann von Köpenick" zog, wird sein Mandant 300 Euro erübrigen und 30 Arbeitsstunden ableisten müssen.


Über 1000 Euro Mietschulden

Im Grunde ging es dem Gericht um die Frage, ob der 33-jährige Beschuldigte schon bei Einzug in seine neue Wohnung gewusst hatte, dass er diese nicht würde bezahlen können. Im Mai 2015 schloss er einen ab Folgemonat gültigen Mietvertrag ab, im September 2015 sahen die Lichtenfelser Vermieter immer noch kein Geld. Insgesamt entstand ihnen so ein Schaden von 1095 Euro. Was folgte, war eine Anklage und ein Verfahren.
Dabei kam das Gericht mit dem 33-Jährigen überein, das gegen ihn eröffnete Verfahren gegen Geldauflage einzustellen. Doch auch hier blieben Zahlungen aus, weshalb unter Vorsitz von Richter Stephan Jäger erneut eine Verhandlung anberaumt wurde.


Vom Arbeitgeber "degradiert"

"Ich werde aussagen. Ist auch besser so - eventuell", erklärte der Beschuldigte eingangs des Verfahrens und erklärte, dass er anderen Zahlungen habe nachkommen müssen, weil er verschuldet sei. "Ich hoffe, Sie hatten damals die Absicht zu zahlen", ermahnte ihn Jäger und bekam zu hören, was der Beschuldigte als Erklärung vorbrachte: Er sei von seinem Arbeitgeber zu weniger gehaltvollen Aufgaben "degradiert worden", habe also nicht mehr so viel verdient, um allen seinen Verpflichtungen nachkommen zu können. Die wiederum bestünden aus einem abzuarbeitenden Schuldenberg in Höhe von 80 000 Euro, herrührend aus vorheriger missglückter Selbstständigkeit. Zudem sei seine Oma gestorben und er habe sich für die Beerdigung neu einkleiden müssen. Letzter Satz mutete unfreiwillig komisch an, mochte aber verdeutlichen, wie wenig finanzieller Spielraum ihm blieb.
"Wusste die Vermieterin, wie es Ihnen schuldentechnisch geht?", erkundigte sich Jäger und erhielt ein Nein. Allerdings, so der Beschuldigte, habe die Vermieterin auch nicht danach gefragt. Manfred Glöckner zitierte den aus Carl Zuckmayers Bühnenstück vom Hauptmann von Köpenick berühmt gewordenen Satz "Kein Wohnung - keine Arbeit, keine Arbeit - keine Wohnung" und sah seinen Mandanten in damaliger Zeit in ähnlicher Lage befindlich. Zudem regte er eine erneute Verfahrenseinstellung gegen Geldauflage an. Noch einmal erkundigte sich Jäger bei dem Angeklagten danach, ob er 2015 geglaubt habe, seine Wohnung bezahlen zu können. "Das ist eine Pflichtfrage", so Jäger. Abermals erklärte ihm der sich derzeitig in Arbeitslosigkeit befindliche Beschuldigte, zahlen zu wollen, setzte aber einen Rahmen für etwaige Ratenzahlungen. "Ich bin auf jeden Fall willig zu bezahlen, aber ich kriege keine 200 Euro monatlich auf die Kette."


Neues Zahlungsziel

In Absprache mit der Staatsanwaltschaft wurde dem 33-Jährigen ein erneutes Zahlungsziel gesetzt. 300 Euro in sechs Raten sowie 30 Arbeitsstunden wird er zu leisten haben, will er, dass das Strafverfahren erneut endgültig eingestellt wird. Von seinen Zahlungsverpflichtungen enthebt ihn das nicht, die bestehen zivilrechtlich weiter.