"Der Überfall Russlands auf die Ukraine erübrigt im Jahr 2022 die Frage, ob Gedenken noch Sinn macht. Es zeigt vielmehr, dass die Erinnerung wichtiger denn je ist." Das sagte Kitzingens Oberbürgermeister Stefan Güntner bei der Gedenkfeier vor der Alten Synagoge zur Reichspogromnacht vom 9. November 1938. Es war ein authentischer Gedenkort, war doch die Synagoge damals einen Tag später auch zerstört worden.

"Wir erinnern heute an die Gräueltaten der Nationalsozialisten an unseren jüdischen Mitbürgern", so Stefan Güntner. Er nannte die Gleichschaltung der Medien als Merkmal totalitärer Regimes, denn es solle ja niemand über die wahren Absichten berichten. Er erinnerte daran, dass damals allerorten gebrandschatzt, jüdische Friedhöfe geschändet, Mordkommandos entsandt und wie in Kitzingen Synagogen in Brand gesetzt wurden.

Die unsäglichen Übergriffe seien als Ausdruck des Volkszorns getarnt worden, aber in Josef Goebbels Propagandarede habe sich die Verlogenheit wieder gespiegelt. "Was am 9. November 1938 geschah, war angeordneter Terror gegenüber unseren jüdischen Mitmenschen", betonte Güntner. Heute wisse man, wie der Terror gegen jüdische Mitbürgerinnen und Mitbürger weiter gegangen sei. "Heute sehen wir uns in Europa mit einem Regime konfrontiert, das ähnlich agiert", konstatierte Güntner und sprach von Gleichschaltung, Verschleierung, Gewalt, Zerstörung und unsägliches Leid. "Das alles kennen wir aus unserer Geschichte und es begegnet uns beim Blick in Richtung Ukraine", erklärte er. "Wir wollen in unserer offenen und freiheitlichen Gesellschaft keinen Judenhass, wir wollen keine Ausgrenzung und wir wollen keinen Rassismus", betonte Stefan Güntner. "Das 'nie wieder' muss in unseren Köpfen und Herzen tief verankert sein."

Literarisches Konzert im Anschluss

Die Vorsitzende des Fördervereins ehemalige Synagoge, Margret Löther, freute sich über den wachsenden Zuspruch der Veranstaltung mit diesmal rund 100 Frauen und Männern. Nachdem Dekanin Kerstin Baderschneider ein Gebet gesprochen hatte, legte sie gemeinsam mit Stefan Güntner einen Kranz zum Gedenken an die Reichspogromnacht nieder. Der Gedenkveranstaltung schloss ein literarisches Konzert mit dem Ensemble Rubato und Texten von Günter Breitenbach an. Er sprach über den jüdischen Kinderarzt, Schriftsteller und Pädagogen Janusz Korczak (1878-1942), einem der bedeutendsten Reformpädagogen des vergangenen Jahrhunderts.