Nach der Veröffentlichung des sogenannten Missbrauchsgutachtens aus dem Erzbistum München und Freising treten so viele Menschen der aus der Kirche aus wie selten zuvor. Auch in Kulmbach (siehe Artikel unten). Leitender Pfarrer Hans Roppelt (66) kann die Gläubigen verstehen, die der Institution Kirche den Rücken kehren. Im Interview spricht er über das Gutachten, den Vertrauensbruch der Kirche und darüber, wie eine aus seiner Sicht längst überfällige Erneuerung aussehen könnte.

Das Gutachten aus dem Erzbistum München und Freising hat erschütternde Details zutage gefördert. Was waren Ihre ersten Gedanken, als Sie davon erfahren haben?

Hans Roppelt: Ich war entsetzt. Es hat ja schon einmal ein Gutachten gegeben, vor drei oder vier Jahren. Ich war zuversichtlich, dass man sich endlich dranmacht, aufzuarbeiten und ehrlich zu sein. Es wurde aber deutlich, dass in München und Freising unverantwortlicherweise vieles vertuscht worden ist. Es gab etwa den Fall des "Priesters X", der 1980 aus Essen nach München gekommen ist. In der Ordinariatskonferenz wurde der Fall besprochen. Der Mann hatte in der Diözese Essen nachweislich Menschen missbraucht, hatte ein Verbrechen begangen, und wurde weiter als Priester eingesetzt. Auch in München und Freising ist er wieder straffällig geworden. Joseph Ratzinger behauptete später, er sei bei dieser Sitzung nicht dabei gewesen. Es liegt aber das Protokoll vor, aus dem hervorgeht, dass er anwesend war. Also: Der frühere Papst hat hier nachweislich die Unwahrheit gesagt. Das ist schon etwas Erschreckendes. Was mich dabei erschüttert: Man hat von Priestern gewusst, dass sie diese Straftaten begangen haben, aber sie sind weiter in der Seelsorge eingesetzt worden. Das ist das eigentliche Vergehen von Entscheidern und höchsten Würdenträgern in der katholischen Kirche.

Auf der einen Seite stehen Sie als Priester treu zu Ihrer Kirche als Institution, auf der anderen Seite nehmen Sie natürlich die schrecklichen Taten wahr, die unter deren Dach geschehen. Wie erleben Sie das?

Ich bin der Institution als Priester ja nicht nur treu, ich stütze und unterstütze sie durch meine Tätigkeit als Pfarrer ja auch. Da ist es natürlich eine Frage des Selbstverständnisses: Will ich das weiter machen? Kann ich das weiter machen? Ich habe aber - Gott sei Dank - mit dieser Kirche auch sehr gute Erfahrungen gemacht. Ich bin in Forchheim in einer wunderbaren Pfarrgemeinde aufgewachsen, habe hervorragende Kontakte mit Pfarrern und Kaplänen gehabt, war in der katholischen Jugendarbeit tätig, war Ministrant - das alles war ein wesentlicher Teil meiner Jugend, den ich nicht missen möchte.

Wie geht man mit dem Grauen um, das in dieser Kirche auch geschieht?

Ich habe immer noch die Hoffnung, dass sich die Kirche grundlegend erneuert. Es hat im Laufe der Geschichte immer wieder Zeiten gegeben, in denen sie am Abgrund gestanden hat, aber immer wieder die Kraft hatte, sich selbst zu erneuern. Jede weltliche Institution wäre schon lange auseinandergebrochen. Das klingt ein bisschen zynisch, ich weiß. Die Kirche ist jetzt in einer Situation, in der ein verheerender Vertrauensverlust da ist. Aber ich hoffe wirklich, dass es ein Anlass ist, den Erneuerungsprozess endlich in Gang zu setzen.

Was bedeutet das konkret?

Es geht um Dinge, über die man schon seit Jahrzehnten diskutiert, beispielsweise über die Zugangsberechtigung zu geistlichen Ämtern. Es können nur unverheiratete Männer Priester werden, und ich halte es für überfällig, dass auch verheiratete Männer dieses Amt bekleiden dürfen. Kirchenrechtlich wäre das kein großes Problem. Dann muss man sich die Frage stellen: Warum dürfen Frauen nicht Priester werden? In der katholischen Kirche gibt es diese Männerbündnisse. Männer sind sechs Jahre im Priesterseminar beieinander, man kennt sich. Und durch diese Bündnisse ist nicht nur Gutes entstanden. Eine gute Mischung wäre das Beste, Frauen und Männer zusammen - mit allen Problemen, die es da geben würde. Ein drittes Thema ist die Sexualmoral in der katholischen Kirche. Ich sage nicht, dass sie zeitgemäß werden muss. Doch das, was verkündet wird, entspricht nicht dem Geist Jesu. Ein Beispiel: Es gibt nicht nur Frauen und Männer, die sich gegenseitig liebhaben, sondern auch gleichgeschlechtliche Paare. Der liebe Gott hat sie so erschaffen. Warum darf ich Menschen und ihre Liebe zueinander nicht segnen? Es ist keine Sünde, wenn Menschen sich liebhaben.

Aber die Umsetzung dieser Maßnahmen lässt auf sich warten.

Es ist ja in den vergangenen Jahren viel zum Thema Missbrauch geschehen. Und ich bin froh, dass ich in der Erzdiözese Bamberg lebe und wir den Erzbischof Ludwig Schick haben. Er hat ganz deutlich gesagt: Jeder Fall von Missbrauch werde sofort an die Staatsanwaltschaft gemeldet, nicht nur in kirchlichen Gremien diskutiert. Erst kommt das weltliche Recht und zusätzlich noch das kirchliche, nicht als Alternative. Priester sind straffällig geworden in dieser Institution, und durch die Institution ist sowas erst möglich geworden. Wir haben als Kirche einen riesigen Vertrauensvorschuss gehabt von Menschen, die ihre Kinder in kirchliche Obhut gegeben haben. Und dieses Vertrauen ist von Einzelnen sehr missbraucht worden. Da nützt es auch nichts, darauf hinzuweisen, dass es woanders auch sexuellen Missbrauch und sexualisierte Gewalt gibt. Keine andere Institution ist mit einem solchen moralischen Anspruch aufgetreten wie unsere Kirche.

Es scheint ein langer Weg zur Erneuerung zu sein.

Vielleicht ist es so wie bei einem selbst. Wenn man spürt, dass mit dem Leib etwas nicht passt. Wenn einen das eine oder andere Zipperlein plagt und man merkt, man müsste mehr Sport machen und gesünder essen. Und dann haut's einen zusammen, dass man einmal richtig am Boden liegt. Und man merkt: Jetzt ist es Zeit, wenn ich jetzt nicht anfange, dann überlebe ich das nicht. Vielleicht ist es für die Kirche jetzt auch soweit. Es muss etwas geschehen.

Das Gespräch

führte Martin Kreklau