Stephan Herbert Fuchs

Gab es einen heftigen Schlag ins Gesicht - oder gab es ihn nicht? Am Ende stand Aussage gegen Aussage, das wahre Tatgeschehen war vor dem Kulmbacher Amtsgericht nicht mehr aufzuklären.

Richterin Sieglinde Tettmann stellte das Verfahren deshalb ein, ohne Auflagen, doch mit der eindringlichen Ermahnung an den angeklagten 30-Jährigen aus dem Landkreis, sich doch endlich mal in den Griff zu bekommen und nicht gleich bei jeder Kleinigkeit aufzubrausen.

Der Mann soll Ende Juni 2020 seinen Nachbarn mit der flachen Hand ins Gesicht geschlagen haben, der Geschädigte klagte über heftige Schmerzen. Einen weiteren Schlag habe der Bruder des Angeklagten gerade noch verhindern können, so hieß es in der Anklage.

Mehrfach vorbestraft

Für den 30-jährigen stand einiges auf dem Spiel, denn er hatte bereits mehrere Vorstrafen, darunter sogar einschlägige wegen Körperverletzung.

Es habe keinen Schlag ins Gesicht gegeben, so der Angeklagte vor Gericht. Wie der Nachbar dann dazu komme, Anzeige zu erstatten, wollte Richterin Tettmann wissen. Der Nachbar habe ihn wieder einmal provoziert, lautete die Erklärung. Das mache der Mann gerne, vor allem dann, wenn er Alkohol getrunken habe. "Das weiß im Ort jeder, dass der über alle quatscht und Gerüchte verbreitet", sagte der 30-Jährige, der selbst allerdings auch nicht mehr ganz nüchtern war.

Problem bei der Sache war, dass der angeblich Geschädigte nicht greifbar war. Der Nachbar war zwar als Zeuge geladen, wurde aber wieder nach Hause geschickt, weil er an der Pforte angab, krank zu sein. Ein Risiko wollte in Corona-Zeiten niemand eingehen. Also blieb als Zeuge nur der Bruder. Er gab an, rechtzeitig dazwischen gegangen zu sein, es habe keinen Schlag gegeben.

"Verpisst euch"

Für Verwirrung sorgte die Tatsache, dass der Angeklagte die ermittelnden Beamten damals nicht in seine Wohnung gelassen hatte. Angeblich, weil sie keine Masken trugen. Die Beamten berichteten allerdings davon, dass sie mit den Worten "Verpisst euch" empfangen wurden und der Angeklagte äußerst aggressiv auftrat. Dazu sagte der Beschuldigte: "Ich habe keine Probleme mit der Polizei, aber die sollen mich in Ruhe lassen."

Um das Verfahren nicht ausufern zu lassen, verzichteten Gericht und Anklage darauf, einen neuen Termin anzuberaumen, um den Nachbarn vorzuladen. Nachdem Aussage gegen Aussage stand, stünde dann ein weiteres Verfahren gegen einen der Beteiligten wegen einer Falschaussage im Raum und die Sache würde schier endlos weitergehen. Nachdem sich auch die Streithähne ganz offensichtlich wieder verstehen, stellte das Gericht das Verfahren kurzerhand ohne Auflagen ein.