Im Januar 1908 steht Julius Zeitler in München vor dem Schwurgericht. Die Anklage lautet: Verstoß gegen die Sittlichkeit. Gegenstand des Streits ist die in seinem Leipziger Verlag gedruckte Luxuszeitschrift "Opale - Blätter für Kunst und Literatur". Die exquisiten Bände enthalten neben Beiträgen zeitgenössischer Schriftsteller wie Max Brod, Paul Claudel, Paul Verlaine und Rudolf Borchardt erotische Geschichten, die von namhaften Künstlern illustriert werden. Auch Franz Kafka zählt zu den Abonnenten. Der Prozess endet mit einem Freispruch für Verleger und Herausgeber. Doch der Fall zeigt, mit welchen Widerständen moderne Kunst und Literatur um die Jahrhundertwende zu kämpfen haben.

Interesse für die Welt des Schönen

Der 1874 in Kulmbach geborene Julius Zeitler scheint für sich die Welt des Schönen früh entdeckt zu haben. Wie sein Vater Georg Wilhelm Kaufmann zu werden, hat er kein Interesse. In Kulmbach besucht er einige Klassen der Lateinschule, danach wechselt er an das Realgymnasium in Nürnberg und legt dort 1893 die Reifeprüfung ab.

Sein vielseitiges Interesse erschwert ihm die Wahl des Studiums. Er muss als Einjährig-Freiwilliger den Wehrdienst in München antreten, doch gleichzeitig schreibt er sich an der TU für Architektur und Kunstgeschichte ein, später an die Unis Berlin und Bonn und studiert Philosophie und Staatswissenschaften, bis er schließlich in Leipzig Fuß fasst, dort über diagonales Lesen promoviert, 1904 Dora Richter heiratet und einen Verlag gründet. Seine vermögenden Schwiegereltern sind keineswegs verzückt über die Partie, wird er doch als Verleger und Schriftsteller lebenslang von Geldnöten geplagt Das hängt auch mit seinem besonderen Anspruch zusammen: Er ist Anhänger der "Kunstdruckbewegung", der es um eine künstlerische Gesamtgestaltung des Buches geht - Schrift, Papier, Druck, Grafik. Bis 1912 kann er seinen eigenen Verlag halten, danach gründet er mit anderen den "Tempelverlag", der hauptsächlich deutsche Klassiker druckt.

Literarisch aufgepeppte Briefe

Seit wenigen Wochen verfügt das Kulmbacher Stadtarchiv über Teile des Briefnachlasses von Julius Zeitler. Der Münchner Hörfunk-Journalist Gerhard Brack hat die Unterlagen von einem Sammler erworben und dem Archiv geschenkt. Die Korrespondenz zeigt ihn als flotten und witzigen Schreiber. Ein besonderes Lesevergnügen ist der Briefwechsel mit seinem alten Schulfreund Karl Wilhelm Trendel: Hier ist er schonungslos offen, mit böser Spottlust über seine Heimatstadt, die Frauenwelt dort und die spießige Gesellschaft.

Unter den Dokumenten befindet sich auch ein bisher unbekanntes Manuskript Zeitlers von 1907: eine Erzählung über den Historiker und Publizisten Karl Heinrich Ritter von Lang (1764-1835). Ritter ist wegen seiner heftigen Kritik an den politischen Zuständen als "Adelsfresser" verschrien. Dennoch verstand er sich mit dem preußischen Minister Friedrich von Hardenberg glänzend, so dass er ihn 1795 zum Geheimen Archivar auf der Plassenburg eingesetzt hat, um das Familienarchiv zu ordnen. Es wundert nicht, dass Zeitler an dem kernigen Ritter seinen Gefallen gefunden hat.

Am 14. September 1898 scheibt er von Kulmbach aus an seinen Kumpel Trendel, der gerade Militärdienst ableistet: "Während Du auf oberpfälzischen Schlachtfeldern Dein Regiment von Sieg zu Sieg führst und Deinen Feldzug hoffentlich mit einer ausgezeichneten Qualifikation zum Marschall beendest, ist hier noch alles beim Alten: Schön Thekla, großäugig und süß, in einer buntkarrierten Seidenblouse mit rehbraunem Rock. Biergräfin in Gala, mit Mechelner Spitzen, dem Pariser Hut, Sektröte im Gesicht. Auf den gleichen Primitivismus muß die Sexualfrage reduziert werden. Das ,einzelne' Männchen kann umso weniger genitalisch wirken, je weniger sich sein Weibchen kaufen kann - sei es für eine Nacht, was man heute ,Prostitution', sei es lebenslänglich, was man ,Ehe' nennt." Drei Tage später witzelt er: "Man muß schon halb mit dem Leben abgeschlossen haben, um es in Kulmbach zu ertragen."

In einem Brief vom 19. September 1894 jammert er gewaltig: "Liebe Eltern! [...] Soldat zu sein ist ganz hübsch, aber 1. dauert es zu lang; 2. entzieht es uns völlig unserm eigentlichen Lebensberuf; 3. kann die unumschränkte Macht, die einem Kompagniechef durch das Disziplinarstrafgesetz über alle ihm Unterstehenden verliehen ist, einem das ganze Dasein verbittern und ihn für einen großen Teil seines Lebens unglücklich machen. Ich halte dafür, daß einzelne Teile in unserem Militärsystem beträchtlich angefault sind."

Obwohl Zeitler ein äußerst produktiver Schriftsteller, Verfasser kulturgeschichtlicher Beiträge und Übersetzer ist, bringt ihm das wenig ein - wie viele Briefe zeigen. Seine Mutter hat ihm schon früh - 1898 - besorgt geschrieben:

"Betreffs Deines Vorhabens der Schriftstellerei kann ich Dich nun einmal nicht mehr abbringen, was ich wohl einsehen und Geduld haben muß, ich hoffe nur daß es Dir auch glückt und Du einer guten Zukunft entgegensehen kannst."