Unter dem Motto "Religion und (In)Toleranz" stand ein Vortragsabend des Tutzinger Freundeskreises im Pfarrsaal St. Hedwig. Ulrich Berner, Religionswissenschaftler der Universität Bayreuth, versuchte dabei die Frage zu beantworten, die Wolfgang Stahl von der Katholischen Erwachsenenbildung zu Beginn gestellt hatte: "Wie weit können Religionen tolerant sein?"

Dass es darauf keine einfache Antwort geben kann, war wohl jedem der zahlreichen Besucher bewusst.Was ist überhaupt Toleranz? Laut Berner im ursprünglichen Sinn eine "Duldung", im modernen Sinn eher eine "Anerkennung" anderer Religionen.

"Man kann nicht pauschal sagen, eine Religion an sich sei intolerant", sagte der emeritierte Professor und belegte anhand von zahlreichen historischen Beispielen, dass es zu jeder Zeit und in jeder Religion immer auch Widersprüche und Gegenansichten gegeben hat. "Genau das möchte ich deutlich machen: Die Variabilität von Positionen in der Religiosität."

Er erzählte vom Kaiser Konstantin, der die Heiden zwar für dumm hielt, sie aber duldete. Er brachte Beispiele von der Spätantike bis in die Moderne, zitierte Bernhard von Clairvaux und die Ringparabel von Gotthold Ephraim Lessing. Der Brite John Hick habe als Vertreter des religiösen Pluralismus gesagt: "Gott hat viele Namen" und habe dies auf einem seiner Buchtitel verdeutlicht.

Der islamische Theologe Mouhanad Khorchide bezeichnete den Islam als "die Einladung Gottes zu Liebe und Barmherzigkeit". "Hätten Sie gedacht, dass es im Islam solche Ansichten gibt?", fragte Berner die Zuhörer. Ebenso wie im Christentum werde im Islam, im Hinduismus, im Buddhismus oder im Judentum kontrovers diskutiert, gebe es liberale, traditionelle und fundamentalistische Ansichten. "Der Buddhismus ist scheinbar von Natur aus tolerant, doch auch hier findet man Gegenbeispiele, wenn man in die Vergangenheit blickt."

"Dulden heißt beleidigen"

In jeder Religion existierten verschiedene Arten von Religiosität, und man solle sich davor hüten, den Glauben an Gott als etwas Schlechtes zu sehen, denn "nicht zu glauben verheißt auch nicht automatisch Gutes". Vielmehr gelte es, Entscheidungen zu treffen, sagte der Religionswissenschaftler. "Und ich entscheide mich für eine tolerante Religiosität."

Und zwar im Sinne von Johann Wolfgang von Goethe, den Stahl zum Abschluss der Versammlung zitierte: "Toleranz sollte eigentlich nur eine vorübergehende Gesinnung sein: Sie muss zur Anerkennung führen. Dulden heißt beleidigen."