Am 9./10. November jähren sich zum 83. Mal die schrecklichen Ereignisse der Novemberpogrome von 1938.

Die Stadt Hammelburg gedenkt am Dienstag, 9. November, um 19 Uhr am Seelhausplatz der Opfer. Beteiligt an der Ausgestaltung sind die katholische und die evangelische Kirche, die musikalische Begleitung übernimmt die Gesangs- und Instrumentalgruppe Hammelburg.

Die Pogrome im Bezirk Hammelburg fanden alle am 10. November 1938 statt. Die Gewaltaktionen liefen den ganzen Tag lang von 8 Uhr morgens bis kurz vor Mitternacht: Hammelburg/Altstadt etwa von 8 bis 9.30 Uhr; Westheim circa 12.30 bis 14 Uhr; Untererthal etwa 14.30 bis 15.30 Uhr; Völkersleier zwischen 17.30 und 18.30 Uhr; Dittlofsroda circa 19 bis 20 Uhr und Oberthulba von etwa 22.30 bis 23.30 Uhr (Quelle: Volker Rieß, Zeitzeuge Paul Frank/Israel, Hammelburg im Jahr 2000, Katalog zur Ausstellung in der Herrenmühle).

Sämtliche Synagogen der genannten Orte wurden am Pogromtag geschändet und im Innenraum zerstört. Mit einem Strohballen, der mit Petroleum übergossen wurde, entfachten SA-Männer im Innern der Synagogen Feuer, das man so lange brennen ließ, bis der Sakralraum rußgeschwärzt war. Dann wurde das Feuer wieder gelöscht und die Sitzbänke und anderes Mobiliar wurden mit Äxten und Beilen zerschlagen. Die heiligen Thorarollen und Gebetbücher wurden nach draußen getragen und in einem Feuer verbrannt.

Auch die Synagoge Bonnlands, die sich im Hofbereich von Schloss Greifenstein befand, scheint am 10. November 1938 Opfer des Pogroms geworden zu sein. (Quelle: Spruchkammer Hammelburg 695, Staatsarchiv Würzburg). Zuvor hatten die Pogromtäter in der Hammelburger Altstadt fürchterliche Beschädigungen in jüdischen Häusern, in der jüdischen Religionsschule und in der Hammelburger Synagoge (Eingang: Dalbergstraße 57) angerichtet.

Der blitzartige Überfall auf die wenigen jüdischen Familien, die im November 1938 noch in der Stadt wohnten, begann um etwa gegen acht Uhr morgens.

Der 10. November 1938 war ein Donnerstag. "Es war ein kalter trüber Novembermorgen", so hat es Pater Dominik Lutz aus Morlesau, der damals das Progymnasium in Hammelburg besuchte, in seinen Erinnerungen festgehalten. Als er am frühen Morgen nach sieben Uhr vom Internat im Kloster Altstadt los ging, schien die Welt noch in Ordnung. Gut zwei Stunden später lagen die jüdischen Häuser der Stadt in tausend Scherben und der Hammelburger Marktplatz war weiß von Bettfedern aufgeschlitzter Betten (Quelle: Volker Rieß).

Die Zeugin Emilie Schaupp, geb. 1897, wohnhaft in Diebach, gab 1946 einem Ermittler der Spruchkammer Hammelburg zu Protokoll, dass sie am Morgen des Pogromtages nach Hammelburg gefahren sei. Bevor sie zum Viehmarkt ging, habe sie ihre Bekannte in der Kissinger Straße besucht. Plötzlich habe es draußen auf der Straße "ein lautes Gepolter" gegeben: "Ich sowie die Frau Herold schauten aus dem Fenster und sahen, wie Herr Strauss und Frau, welche ihr Kind in der Schürze trug, aus der Haustür gingen. Es ging dort drunter und drüber." (Quelle: Spruchkammer Hammelburg 238, Blatt 19, Staatsarchiv Würzburg).

Das Baby, das in der bloßen Schürze seiner jüdischen Mutter fliehen musste, war Benno Strauss, geboren am 10. September 1938 in Hammelburg. Das jüdische Baby war gerade zwei Monate alt. Seine Eltern waren Hannah Katz-Spier und Julius Strauss. Beide waren verwitwet. Die Familie wurde noch am Pogromtag verhaftet, auch der kleine Benno kam ins Gefängnis (Online-Gedenkbuch des Bundesarchivs Berlin, Benno Strauss). Sie blieben bis Ende Januar 1939 inhaftiert. In dieser Zeit musste Julius Strauss sein Haus verkaufen. Die Familie zog 1939 gezwungenermaßen nach Frankfurt a. M. in eine sogenannte "Judenwohnung", wo Julius 1940 starb. Hanna wurde mit ihrem Sohn 1942 deportiert und Opfer des Holocaust.

Historiker, die zur lokalen NS-Zeit forschen, sind sich darin einig, dass kein "auswärtiger" SA-Schlägertrupp aus Bad Kissingen die Gewaltaktionen im Bezirk Hammelburg geplant und durchgeführt hat, sondern Männer des SA-Sturms III/29 Hammelburg (vgl. Cornelia Berger-Dittscheid: Mehr als Steine, Synagogen-Gedenkband Bayern, Band III/2, 2019) unter Tatbeteiligung des NSKK/ Hammelburg. Auch Zivilisten nahmen teil (Spruchkammer Hammelburg 1302, Staatsarchiv Würzburg).

Petra Kaup-Clement/red