Wort zum Sonntag für 22. Mai:

Ich liebe den Lesungstext aus der Apostelgeschichte zum heutigen Sonntag. Vor allem ist er mir deshalb sympathisch, weil er einerseits ungeschönt von einem handfesten Streit innerhalb der christlichen Urkirche berichtet, der die Gemüter aller Beteiligten wohl ordentlich in Wallung gebracht haben dürfte. Auf der anderen Seite wird aufgezeigt, wie er um der Sache willen - die frohe Botschaft Jesu - per Kompromisslösung aus dem Weg geräumt werden kann.

Nach dem Einverständnis zur Heidenmission entbrannte unter den Aposteln ein Zwist um

eine entscheidende Folgefrage: Muss man, um Christ werden zu können, zunächst den Umweg über das Judentum gehen, sich also beschneiden lassen, oder darf man ohne Umwege getauft und in die Gemeinde aufgenommen werden? Nach einigem Hin und Her einigt man sich auf Letzteres. Gott selbst öffnet jedem Menschen die Tür des Glaubens, ganz gleich, woher man stammt und was oder ob man vorher geglaubt hat. Durch Tod und Auferstehung Jesu sind alle Menschen gleichermaßen gerettet. Zudem ist damals schon klar, dass der Mensch allein durch Gnade gerecht wird. Deshalb soll ihm nichts Zusätzliches aufgebürdet werden. Um die Anhänger eines konservativen Judenchristentums nicht allzu sehr zu verprellen, gar eine Spaltung zu riskieren und um den inneren Einklang mit Mose und der Gesetzestradition des Alten Testaments zu wahren, wird per Kompromiss festgelegt: Es bedarf zwar keiner Beschneidung mehr, jedoch muss die vierfache, verbindliche

Vorschrift, die ihren Ursprung in der Tora hat, eingehalten werden: Das Meiden von Befleckung durch Götzen, Unzucht, Blut sowie Ersticktem, also Fleisch, das nicht ausgeblutet ist. Dieser Kompromiss erlangt breiten Konsens und ohne ihn hätte sich das Urchristentum mit

Sicherheit nicht so rasant ausbreiten können.

Was lehrt uns das für die Zukunft der Kirche (wie übrigens auch für jede Form von Beziehung und Partnerschaft)? - Reden ist wichtig! Wir sollten nicht davon abgehen, miteinander zu kommunizieren, nur weil uns die Meinung des anderen nicht passt. - Streiten darf sein! Manchmal geht es nicht anders und das ist auch nicht schlimm. Solange wir uns gegenseitig nicht verletzen, kränken und uns immer wieder bewusst machen, dass uns auch im Streit Gott mit seinem Heiligen Geist stärkend zur Seite steht. - Bemüht sein um tragende Kompromisse! In den seltensten Fällen wird sich eine Partei in einem Konfliktfall zu 100 Prozent durchsetzen können. Meistens wird es auf einen Kompromiss hinauslaufen. Damit dieser tragen kann, muss er eine Schnittmenge der wesentlichen Anliegen beider enthalten. Die Apostelgeschichte will darlegen: Die frohe Botschaft ist durch nichts und niemanden aufzuhalten, auch nicht durch Streit. Wir müssen uns um Lösungen bemühen, die sich an der Botschaft Jesu ausrichten. Wo immer uns das gelingt, sind wir auf dem richtigen Weg.

Dann müssen wir uns keine Sorgen darüber machen, wie es mit der Kirche weitergeht. Aus

Liebe am Wort des Herrn beständig festhalten. Wo die Liebe ist, dort ist auch der Heilige Geist, der alles lehren und alles aufzeigen wird.

Roland Lutz, Pastoralreferent

Jugendseelsorger im Dekanat und Geistlicher Leiter des BDKJ-Regionalverbandes Bad Kissingen