Für einen Seelsorger gibt es zweifelsohne günstigere Zeitpunkte, eine neue Stelle anzutreten als diesen Herbst. Während die Tätigkeit viel Nähe erfordert – physisch und emotional –, zwingt das Corona-Virus die Menschen, zueinander auf Distanz zu gehen. Zudem sind die Angst vor der Krankheit und die gesetzlichen Maßnahmen eine große psychische Belastung für viele. Das merkt auch Pater Lijoy Jacob. Der neue Kaplan der Pfarrgemeinde Ebensfeld kümmert sich um das seelische Wohl der Gemeindemitglieder, hält aber auch Gottesdienste in der Kirche Mariä Verkündigung und anderen Gemeindeteilen.

Trotz der Hindernisse, die das Virus mit sich bringt, klingt der 44-Jährige zufrieden, als er über seine ersten Wochen in der Gemeinde am Obermain berichtet: "Hier leben sehr nette und fromme Menschen. Meine Zeit bisher war sehr interessant. Das ist noch einmal eine ganz andere Art der Arbeit, als bei meiner vorherigen Station."

Die war in Erlangen bei der Kirchengemeinde Heilig Kreuz. Das Karmelitenkloster und die zugehörigen Kirchen vor Ort waren seit 2017 der Lebensmittelpunkt für den Ordensmann. Dort sei es eine multikulturelle Glaubensgemeinschaft gewesen. "Ebensfeld ist hingegen ein typischer kleiner deutscher Ort", sagt der Pater. Für ihn eine spannende Sache, zumal er bisher nur in deutschen Städten aktiv war.

Priesterweihe in Indien

Der neue Ebensfelder Kaplan stammt aus Indien. Genauer gesagt aus dem süd-westlichen Bundesstaat Kerala. Mit einem Anteil von 20 Prozent stellen die Christen dort eine große Minderheit innerhalb der hinduistischen Gesellschaft. In seiner Gemeinde St. Antonias in Arimbur hatte der Ordensmann der Karmeliten im Jahr 2004 seine Priesterweihe abgelegt, ehe er nach einem Studium im Fach Psychologische Therapie an der Universität von Loyola in Maryland und einer anschließenden Phase als Therapeut in den USA seinen Weg nach Deutschland antrat.

Nach einem achtmonatigen Deutschkurs war er vor fast genau vier Jahren in Bamberg angekommen und lebte dort im Karmelitenkloster auf dem Kaulberg. Im Anschluss an eine kurze Station in Bad Reichenhall, wo er einen Pfarrer vertreten hatte, ging es für ihn nach Erlangen. Als dann der langjährige Ebensfelder Pfarrer Rudolf Scharf in den Ruhestand ging, kam Pater Lijoy an den Obermain.

Dort sind dem neuen Kaplan gleich zu Beginn einige Unterschiede zur Großstadt aufgefallen: "Es gibt viele alte Häuser und Bauernhöfe, die sehr schön gestaltet sind. Außerdem haben die meisten Leute einen Garten und arbeiten viel darin. Das ist schön." Auch die vielen Felder im Umland sind Pater Lijoy aufgefallen.

Eine besondere Prozession

Ähnliches ist er aber bereits aus Indien gewohnt. Dort war sein Heimatort ebenfalls von weiten Feldern umgeben – allerdings bauten die Bauern dort Reis an. Auch in Glaubensfragen unterscheiden sich seine ehemalige Gemeinde in Indien und seine neue Gemeinde im Kreis Lichtenfels nur minimal.

Unterschiede gibt es eher in der Art , wie der Glaube praktiziert wird. So finden in Indien beispielsweise viele Feierlichkeit im Freien statt. Die Prozessionen zu Ehren der Heiligen Antonius und Georg sind zudem ein richtiges Spektakel. Hierbei ziehen die Gläubigen mit bunten Schirmen durch die Stadt. "Auch die Musik ist sehr wichtig. Sie ist sehr vielfältig", sagt Pater Lijoy und lächelt. Anschließend berichtet er von jugendlichen Trommlern, die während des Umzugs von älteren Gläubigen abgelöst werden, die besinnlichere Rhythmen spielen. Aber auch Bandmusik sei Teil der Prozession – ebenso ein Elefant, der festlich geschmückt mit den vielen Christen durch den Ort zieht. Die etwa 1700 Familien der Gemeinde lauschen während solch einer Festwoche jeden Tag einem anderen Prediger, ehe sie zum Abschluss einen letzten feierlichen Gottesdienst begehen.

Feierliche Gottesdienste fanden in den vergangenen Wochen auch in der Ebensfelder Kirche Mariä Verkündigung statt – allerdings mit maximal 70 Personen und einem Abstand von eineinhalb Metern zwischen den Besuchern. "Es ist schade, dass viele Leute, die normalerweise hier sind, jetzt nicht kommen können, bedauert der Pater und fügt hinzu: "Die Leute ziehen aus dem Gottesdienst so viel Kraft."

Glaube als große Kraftquelle

Dem neuen Kaplan geht es da nicht anders. Für ihn ist aber der Glaube allein bereits eine große Kraftquelle: "Gott ist an meiner Seite. Er hilft mir jeden Tag. Er wirkt in alle Bereiche hinein. Es gibt so viele Dinge, die wir nicht verstehen, aber ich glaube, dass Gott einen Plan hat – auch für mich. Vor allem dann, wenn Dinge passieren, die ich nicht vorhersehen konnte." Letztlich sei der Glaube für den Ordensmann jedoch schwer in Worte zu fassen. Für ihn ist Spiritualität etwas, das man erfahren und spüren muss, um es zu verstehen. Auch in Zeiten von Corona war Pater Lijoy der Glaube eine große Hilfe. Seine anfängliche Angst vor der Pandemie hat er mittlerweile besiegt. Besonders die biblischen Psalme 91 und 23 – das Schutzversprechen und der Herr ist mein Hirte – waren ihm in dieser Zeit eine Stütze: Beide seien Paradebeispiele für die Vielfalt an "kraftgebenden Worten in der Bibel", sagt der Pater. Diese Psalme entfalten in mir eine große Kraft, wenn ich sie mir laut vorspreche", sagt er. Sein fester Blick lässt daran keine Zweifel aufkommen.