Über Geschichten abseits des Krieges in Afghanistan sprach kürzlich der freie Bildjournalist Sven Gückel. "Wir bekommen viel über die Medien mit, sehen schreckliche Bilder aus dem Krisengebiet - aber es gibt auch andere Seiten", begrüßte ihn Thomas Nagel, Programmmanager der Friedrich-Naumann-Stiftung, zu dem Online-Vortrag.

Insgesamt fünf Mal und über mehrere Wochen war Sven Gückel mit der Bundeswehr vor Ort in einer Region, "die seit mehr als 200 Jahren für Furore sorgt". Er bezeichnete sich selbst nicht als Experten, insbesondere im Vergleich mit erfahrenen Journalisten wie Peter Scholl-Latour, aber er verfüge über ein "gesundes Halbwissen". In eindrucksvollen Aufnahmen nahm er die Webinar-Gäste mit auf eine Tour durch ein vielschichtiges Land, in dem es einst schick war, Deutsch zu sprechen. "Die Deutschen gehörten zu den ersten Nationen, die massiv in Afghanistan investierten", sagte Gückel mit Rückblick auf die 1920er und 1930er Jahre. "Deutsch zu sprechen galt als modern und war ein Zeichen der Bildung." In den 1970er Jahren seien sogar Miniröcke in Kabul legitim gewesen, die legendäre "Chicken Street" war das Zentrum der Hippies.

Heute wird Kabul von einem Fluss durchzogen, der an eine Kloake erinnert. Die Verschmutzung in der Talsenke ist so stark, dass sich Magen-Darm-Erkrankungen durch die Luft übertragen.

Kabul, eine Stadt, die einmal für 600 000 Menschen erbaut wurde, zählt heute sieben Millionen Einwohner. Sie schieben sich mit ihren Häusern Stück für Stück an den Berghängen hoch - und das Abwasser fließt zu Tal. Die klimatischen Bedingungen sind extrem - von bis zu 60 Grad Hitze im Sommer bis hin zu minus 40 Grad im Winter, in der teils sehr kargen, gebirgigen Landschaft sei Anpassungsfähigkeit gefordert.

Hohes Ansehen

Viele der Fotos von Sven Gückel beleuchten auch den Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr, zeigen Soldaten in Interaktion mit der Bevölkerung oder bei der Unterstützung von Hilfsprojekten. "Die Bundeswehr vermied es, martialisch aufzutreten", erklärte Sven Gückel. Das bedeutet, man trug keinen Helm, das Gesicht war zu sehen, und die Waffen waren nicht durchgeladen. Das Militärische trat mehr in den Hintergrund, "dem Ansehen der Deutschen hat das im Land nicht geschadet". Gückel kritisierte den Rückzug der Truppen aus Afghanistan, zumindest hätte man ihn anders gestalten müssen.

Für Mädchen und Frauen habe sich die Situation bereits verändert, und "sie wird sich noch weiter verändern". Schon seit 2014/15 sehe man wieder vermehrt Burkas auf den Straßen, denn "in den Köpfen waren die Taliban immer im Land".

Auf einigen Fotos waren junge Mädchen in einer Schule und stolze Lehrerinnen in einer Fortbildung zu sehen. Glückliche Gesichter wissbegieriger Frauen, denn seit etwa 2002 habe es eine positive Entwicklung im Land gegeben. "Mädchenschulen wird es nicht mehr geben", bedauerte Sven Gückel. Und doch habe sich der Bundeswehreinsatz absolut gelohnt. "Die vielen positiven Entwicklungen, die wir über einige Jahrzehnte bewirken konnten, waren es wert."