Zum Thema "Schulschließungen":

Ich absolvierte meine Schulzeit an der Städtischen Wirtschaftsaufbauschule (heutige Graf-Stauffenberg-Wirtschaftsschule) in den Jahren 1966 bis 1970. Das Schulgebäude, Vorderer Bach 6 in Bamberg, hatte für die vielen Schüler nicht genug Klassenräume. Folglich gab es Unterricht im wöchentlichen Wechsel am Vormittag bzw. Nachmittag. In der Vormittagswoche war an zwei Nachmittagen zusätzlich Unterricht; Sport in der Kaulbergschule, Chemie und Physik in der Gangolfschule. Mir ist nicht bekannt, dass uns dies geschadet hätte. Im Gegenteil: die Absolventen wurden von den Arbeitgebern umworben.

Was spricht dagegen, diese aus der damaligen Raumnot geborenen Abläufe auf die heutige Covid-19-Situation modifiziert anzuwenden? Die Schülerzahlen verteilen sich auf den ganzen Tag, die Busse, Bahnen und Klassenzimmer sind nur halb besetzt. Ja, die Lehrkräfte müssten sich umstellen.

Ich möchte mit diesem Leserbrief an die Verantwortlichen appellieren, folgen Sie dem Beispiel derjenigen, die Lösungen gefunden haben. Die Eltern und Sorgeberechtigten möchte ich ermutigen: Tragt eure Sorgen um die Kinder und Jugendlichen bis an die höchsten Stellen. Unsere politisch Verantwortlichen schließen die Schulen und Kitas, statt nach fast einem Jahr Corona-Pandemie Lösungen zu benennen, die unseren Kindern gerecht werden.

Was erleiden diese für physische und psychische Schäden, in zu kleinen Wohnungen mit Mutter und/oder Vater im Homeoffice. Wann sollen sie den Lernstoff und das Einüben sozialer Kompetenzen in der Gruppe nachholen? Es geht um ihre Zukunft.

Im Gegensatz zum eingangs geschilderten Mangel an Klassenräumen stehen diese heute zwar zur Verfügung. Die Kinder werden ausgesperrt. Mangelt es etwa an Pädagogen? Von allen Beschäftigten kann Mehrarbeit verlangt werden, wenn dies erforderlich ist. Fast täglich berichten die Medien über das, was in Krankenhäusern und Heimen geleistet wird. Warum wird bei den Kindern nicht am ersten Tag nach den Ferien ein Schnelltest gemacht? Waren es wieder einmal Lippenbekenntnisse, als es im Sommer hieß, eine Schließung wie im Frühjahr 2020 darf es nicht mehr geben?

Im Sommer wurde die restriktive Haltung gelockert. Urlaubsreisen waren plötzlich möglich. An Autobahnen, Flughäfen und Bahnhöfen wurden kostenlose Corona-Tests angeboten. Warum eigentlich? Ist uns Auslandsurlaub mehr wert als die Bildung und Erziehung? Phantasieren und Experimentieren ist gefragt statt Stillhalten und Abwarten.

Liebe Pädagogen an der Basis, warten Sie nicht auf Vorschläge aus München. Seien Sie kreativ, suchen Sie nach individuellen Lösungen. Der Wille versetzt Berge. Es macht mich wütend, wenn ich sehe, wie mit meinen unmündigen Enkeln umgegangen wird. Es ist die nächste Generation, deren Chancen oder Misserfolge heute in die Wege geleitet werden. Die bereits ausgefallenen Stunden und Wochen sind unwiderruflich verloren. Können wir so weitermachen?

Solange die digitalen Unterrichtsformen nicht allen und in funktionierender Form zur Verfügung stehen, stellen sie keine Alternative zum Präsenzunterricht dar und sind, wie es im Fachjargon heißt, ungenügend = 6 = durchgefallen. Steht der Schutz des Kindswohles nicht auf der gleichen Ebene wie der der Gesundheit?

Krisen bewältigen heißt Bestehendes verändern. Fangen wir an, es ist höchste Zeit. Vergessen wir nicht, dass es darüber hinaus noch mehr Not und Elend gibt, bei uns und weltweit.

Anton Bachmann

Bamberg